Brustkrebs PROFILING
Zusammenfassung einer fünfteiligen Sitzungssequenz einer an Brustkrebs und Depressionen leidenden Klientin (Frau eines Arztes)

Vorinformation für den Leser

Der Editor fasst den Verlauf der Sitzungen zusammen. Die von ihm abgegebenen Anmerkungen zu den Sitzungen 1 und 2 stehen in eckigen Klammern. Sie sind hauptsächlich Erläuterungen zum methodischen Vorgehen des Therapeuten, sollen verdeutlichen, was der Therapeut tut und weshalb er es tut. Der Therapeut arbeitet klientenzentriert, d.h. der Klient/die Klientin steht im Mittelpunkt der Sitzung, bestimmt deren Verlauf. Der Name dieser Klientin wurde geändert in Sina.

Im Schlussteil befindet sich unter dem Titel „Therapieverlauf im Überblick“ eine Kurzversion der Zusammenfassung zur Verdeutlichung des inneren Entwicklungsprozesses der Klientin bzw. des Aufbaus der Sitzungsreihe mit Erklärungen und Kommentaren des Editors. Außerdem werden die krankheitsverursachenden Faktoren aufgeführt. Eine Gegenüberstellung des Eingangsräume der Sitzungen bildet den Abschluss.

Sitzung 1 (Registrier-Nr. 412/1) Opa und Vater

Die Klientin betritt zu Beginn der Sitzung einen kahlen Gefängnisraum mit der Aufschrift „Liebe“. Sie setzt sich mit ihrem Grundgefühl auseinander, von den Eltern nicht wirklich angenommen worden zu sein. Die Aufdeckungs- und Klärungsarbeit reicht dabei bis zu den Großeltern zurück und hat als Ergebnis einen völlig verändert “Raum der Liebe“ zur Folge.

Qualität des Eingangsraumes
Sina nimmt in einem Flur Türen wahr und fühlt sich von der vordersten angezogen. Zu dieser Tür kommt spontan der Begriff „Liebe“. Sina öffnet die Tür gern. Außer Helligkeit zeigt sich zunächst nichts. Dann sieht sie ein vergittertes Kellerfenster. Der Raum ist etwa 12 Quadrat-meter groß und seine Bodenfläche rechteckig. Die Wände sind weiß gekalkt, der Fußboden besteht aus Estrich. Der Kellerraum ist leer. Das vorhandene Licht fällt nicht durch das Kellerfenster ein.

Grundlebensgefühl bezüglich des Raumes

Der Therapeut erfragt als nächstes das zum Raum bzw. zum Thema „Liebe“ gehörende Grundlebensgefühl. „Ich fühle mich eingesperrt.“, antwortet Sina. [Vergl. dazu den Vogelkäfig zu Beginn von Sitzung 3, in den Sina sich ebenfalls eingesperrt fühlt, und zwar von der Mutter.]

Botschaft des Eingangsraumes

Da der Raum Ausdruck ist, für irgendetwas, das mit Liebe zu tun hat, lässt der Therapeut Sina den Raum ansprechen und dessen Botschaft erfragen. Der Raum verweist mit seiner Antwort auf Sinas Kindheit. [Der Therapeut möchte gezielt Informationen gewinnen, die den Hintergrund für Sinas Erkrankungen bilden.] Er bittet Sina deshalb, in ihre Kindheit zu gehen und zu spüren, wie alt sie ist. [Über das Erspüren des Alters wird verhindert, dass es über den Verstand abgefragt wird, was für die Arbeit des Therapeuten kontraproduktiv wäre.] Sina soll an sich hinunterschauen, um zu sehen, was sie trägt. [Damit fördert der Therapeut das direkte In-Kontakt-Gehen der Klientin mit der kleinen Sina von damals. Die Klientin bleibt so bei der Betrachtung des Bildes.] „Ich fühle mich so nackt.“, äußert Sina. Der Therapeut schlägt vor nachzuschauen, in welcher Situation sich Sina nackt fühlt.

Dazu tauchen zwei Situationen auf: zum einen ein Partyraum, in dem die damals Fünfzehnjährige fröhlich gefeiert hat. Zum andern kommt eine Erinnerung aus ihrem Alter von elf Jahren. [Da beide Situationen zu dem Gefühl des Nacktseins aufgetaucht sind, müssen sie Selbstähnlichkeit aufweisen. Diese Selbstähnlichkeit möchte der Therapeut über die Gemeinsamkeit beider Situationen herausarbeiten.] Er bittet Sina deshalb, zu schauen, was an Gemeinsamkeit vorliegt. Sina empfindet sie jedoch als ganz unterschiedlich. So lässt der Therapeut die Botschaft der wichtigeren erfragen.
Sina ist sich nicht sicher, ob die erste die wichtigere ist. [Dass sie aber zuerst von dieser spricht, impliziert deren Wichtigkeit.] Sina hat zusammen mit ihrem Bruder Jens viele Male im Partyraum gefeiert, doch die anwesenden Gäste waren ausschließlich Freunde des Bruders. Der Therapeut möchte erfahren, welches ihr Grundgefühl dort ist: Ist sie nicht gut genug? Ist sie nicht so wichtig? Fühlt sie sich allein? Sina fühlt sich ihrem Bruder gegenüber minderwertig. Er ging zum Gymnasium, sie „nur“ zur Realschule. Ihre Eltern mochten die Schüler dort nicht. Damit hat der Therapeut die Botschaft des Raumes erfragt. Er möchte außerdem wissen, ob auch Züge eines Gefängnisses vorhanden sind. [Das Fenster in Sinas Raum ist vergittert.] Sina antwortet, dass sie nicht so anerkannt wurde wie ihr Bruder.

Verlauf der Sitzung

Der Bruder
Der Therapeut bittet Sina, all dies ihrem Bruder Jens mitzuteilen. [Indem Sina den Bruder anspricht, geht sie mit ihm, mit ihrem Bild vom ihm, das in ihrer Innenwelt existiert, in direkten Kontakt und kann so seine Reaktion erfahren.] Die lautet, dass Sina noch so klein, so jung sei, und für sie dies alles auch noch käme. [Der Therapeut möchte feststellen, ob bezüglich des Bruders noch Aufdeckungsarbeit zu leisten ist.] Er erfragt deshalb die Wirkung dieser Äußerung auf Sina. Der Bruder scheint zwar nicht gegen sie zu sein, doch Sina schenkt seinen Worten keinen Glauben. All dies soll sie dem Bruder wieder mitteilen. Sie nennt als Begründung für den Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit, dass sie auch in anderen Situationen als zu jung und zu klein wahrgenommen wird. Sie spürt das auch bei ihren Eltern. Die sind nicht damit zufrieden, dass Sina „nur“ die Realschule besucht. Der Bruder erfährt mehr Respekt. [Der Therapeut greift den letzten Impuls der Klientin auf, nämlich die Eltern.] Er bittet Sina deshalb, diese anwesend sein zu lassen und auch zu schauen, wie sie erscheinen. [Die Art und Weise ihres Auftretens liefert Hinweise dazu, wie die Eltern zu Sina bezüglich des o.a. Themas stehen.]

Vater und Mutter
Als erster erscheint der Vater, dem Sina das mitteilt, was sie bereits ihrem Bruder gegenüber geäußert hat. Der Vater antwortet, das sei halt so. Der Bruder habe auch mehr Freunde als Sina. Als Sina angibt, sich nicht respektiert zu fühlen, erscheint die Mutter. Die äußert, Sina mache viel Ärger und könne froh sein, überhaupt mitfeiern zu dürfen. Sie könne auch auf ihr Zimmer gehen. [Der Vater verhält sich ignorant, passiv, die Mutter hingegen ablehnend, droht mit Sanktionen. Beide Elternteile akzeptieren Sinas Anliegen nicht. Da die Mutter in Bezug auf fehlenden Respekt auftaucht, muss sie damit hauptsächlich in Verbindung stehen. Das werden die nächsten Sitzung zeigen.] Deshalb lässt der Therapeut Sina erspüren, wer von beiden mehr auf ihrer Seite ist. Das sei der Vater, äußert Sina. [Damit hat der Therapeut bereits die Gewichtigkeit der beiden Elternteile bezüglich des Themas „Liebe“ herausgearbeitet. Der Mutter kommt als „Störfaktor“ mehr Gewicht zu.] Daraufhin lässt der Therapeut Sina das Gefühl gegenüber ihrer Mutter wahrnehmen. [Es zeigt Sinas Einstellung zu ihr.] Sina empfindet, wie so oft schon, Wut gegenüber der Mutter. Sie teilt der Mutter ihren Wunsch nach Verständnis, Achtung ihrer Eigenständigkeit und Individualität mit. Sina äußert: „Ich bin ganz anders.“ Die Mutter schüttelt den Kopf. [Hier äußert sich der fehlende Respekt: Sina wird nicht ernst genommen.] Sie erklärt, dass Sina ihr viele Sorgen bezüglich der Schule bereite. Weil Sina der Mutter im Verhalten schwieriger erscheint als der Bruder, bittet der Therapeut, die Mutter zu fragen, wie sie gefühlsmäßig zu ihrer Tochter steht. Auf den Wunsch Sinas, von der Mutter gleicht viel geliebt zu werden wie der Bruder, nimmt die Mutter ihren Sohn in den Arm. Sina sagt wörtlich: „Die ist gegen mich.“ Der Therapeut resümiert, dass die Mutter mehr auf der Seite der Bruders Jens stehe, dass Sinas Wahrnehmung sie nicht getäuscht habe. [Die Handlung der Mutter offenbart ihre Einstellung.]

Der Therapeut lässt die Mutter in den Eingangsraum holen, auf dessen Tür das Thema „Liebe“ steht. Sina soll ihr diesen kahlen Kellerraum zeigen, der zwar hell ist, aber, symbolisiert durch das Gitterfenster, keine Freiheit beinhaltet. Sina sagt der Mutter: „Jetzt, wo du da drin bist, wird`s dunkel.“ Das mache das Thema sehr deutlich, äußert der Therapeut. [Es ist zu vermuten, dass die Mutter durch ihr Erscheinen Sina Lebensenergie raubt, denn das Licht in Sinas (Lebens-)Raum schwindet.] Er bittet Sina zu fragen, ob die Mutter mit Sinas Depressionen, mit ihrer Traurigkeit zu tun hat. Er lässt die Antwort durch Nicken oder Kopfschütteln erfragen. [Das Erfragen der Antwort durch eine körperliche Reaktion verhindert, dass die Klientin selbst die Antwort mit dem Verstand gibt.] Die Mutter nickt.
Der Therapeut lässt Sina auf der Zeitachse weiter zurückgehen, um nach Situationen zu schauen, die dazu beigetragen haben, dass Sina so traurig ist, denn er nimmt an, dass die Mutter an all diesen Situationen beteiligt ist. [Wäre die Mutter an diesen Situationen unbeteiligt, würden sie nicht im Zusammenhang mit ihr und dem Thema „Liebe“ auftauchen.] Er bittet Sina, sich von der Mutter diese Situationen zeigen zu lassen, weil die Mutter das noch wisse. [Da das Bild von der Mutter zusammen mit den Situationen abgespeichert ist, die Mutter evtl. sogar Verursacher dieser Situationen ist, muss sie auch in der Lage sein, sie aufzuzeigen, bzw. muss Sina in der Lage sein, die diesbezüglichen Abspeicherungen im Gehirn über das Mutterbild abzurufen.] Sina bittet die Mutter, ihr zu zeigen, „wo ich mich so fühle wie jetzt“, so Sina wörtlich.

Die Mutter zeigt der Tochter eine Situation, als die Familie samt des Bruder in Urlaub fuhr, und Sina zuhause bleiben musste. Der Therapeut erfragt Sinas Alter zu der Zeit. [Er kann so herausfinden, ob es evtl. nötig sein wird, auf der Zeitachse noch weiter zurückzugehen, um noch frühere, selbstähnliche, d.h., mit diesem Thema in Verbindung stehende Situationen, Informationen, abrufen zu lassen.] Sina ist etwa sieben/acht Jahre alt. Der Therapeut möchte erfahren, ob Sina sich zuhause alleine fühlte. [Das Abreisen der Familie und das Zurücklassen des Kindes kann vom Kind auf ganz unterschiedliche Weise empfunden werden. Dies gilt es herauszufinden.] Das verneint Sina. Die Oma war da und das war sehr schön für sie.[Da Sinas Wahrnehmung bezüglich der Abreise positiv ist, muss das negative Erleben dieser Situation von anderer Seite, wahrscheinlich von Seiten der Eltern kommen.] Deshalb soll Sina die Eltern ganz direkt fragen, warum sie nicht mitgenommen wurde. Die Mutter antwortet, weil es zu anstrengend mit Sina sei. Dazu äußert der Therapeut, damit bekäme sie quasi direkt gesagt „Du bist falsch.“ Er möchte weiterhin erfahren, warum der Vater sich so passiv verhält. Darauf angesprochen, entgegnet der Vater, er brauche seine Ruhe. „Er will dich auch los werden.“, kommentiert der Therapeut. [Damit hat er herausgefunden, dass beide Eltern am gleichen „Strick ziehen“, geschlossen gegen Sina vorgehen, wobei der Mutter die aktive Rolle zukommt, der Vater in deren Fahrwasser passiv „mitschwimmt“.] Er äußert weiterhin, dass das heftig sei für ein siebenjähriges Kind. Die Botschaft laute „Du bist ein unangenehmes Kind.“

Sina soll auch dem Vater ihren Kellerraum zeigen, damit dieser weiß, wie Sinas Innenwelt bezüglich des Themas „Liebe“ aussieht. [Die Reaktion des Vaters auf die Beschaffenheit des Raumes liefert Hinweise auf seine Haltung zu Sina. Zeigt er Betroffenheit? Wird der Raum dunkel? Ist der Vater gefühlsmäßig unbeteiligt?] „Offensichtlich haben sie dich ja wirklich nicht so geliebt“, erklärt der Therapeut. Sina äußert dem Vater gegenüber, dass der Raum zwar weiß sei und größer als eine Zelle, das Fenster aber von innen vergittert sei und damit nicht zu öffnen. Dem Vater tut es sehr leid, er weint, und sagt: „Es ging nicht anders.“ [Im Gegensatz zur Mutter zeigt der Vater Betroffenheit. Diese Haltung korreliert wiederum mit der Gewichtung der beiden Elternteile auf S. 2. Dort äußert Sina, der Vater sei mehr auf ihrer Seite. Außerdem weist diese Aussage des Vaters auf bei ihm vorhandene Blockaden hin und die grundsätzliche Fähigkeit, sein Kind anzunehmen.] Der Therapeut möchte wissen, was es für den Vater so schwierig macht, Sina, egal wie sie ist, als Tochter zu akzeptieren, möchte wissen, was im Vater vorgeht. Es kommt die Botschaft, Sina sei nicht sein Kind. [Das muss nicht zwingend wörtlich zu nehmen sein, möglich ist auch, dass Sina nicht den Vorstellungen des Vaters von einer Tochter entspricht.] Sina sollte ganz anders sein.

Der Therapeut äußert, dass der Vater diesbezüglich ein massives Problem habe, was bedeute, dass er Sina nicht lieben, nicht annehmen könne. Er bittet sie, sich vom Vater zeigen zu lassen, wann und wo er das zum ersten Mal ganz intensiv gemerkt hat. Sina hat Schwierigkeiten, die dazugehörende Situation abzurufen, sie sich vom Vater zeigen zu lassen. Sie soll den Gesichtsausdruck des Vaters beschreiben. Dieser kuckt starr. [Die Starrheit des Blickes könnte Anzeichen für die Erstarrung des Vaters sein und für dessen fehlende (emotionale) Lebendigkeit bezüglich des Themas „Liebe“.] Der Therapeut bittet Sina, sich auf den Schoß des Vaters zu setzten und seine Reaktion zu beobachten. [Damit lässt er Sina in größtmöglichen Kontakt, in Körperkontakt, mit dem Vater gehen.] Das lehnt der Vater ab. Der Therapeut möchte wissen, wie es Sina damit geht. Sie äußert: „Ich kenn´ das ja. Er mag keine Kinder.“ [Sinas Reaktion drückt sich als bloße Feststellung von bereits Bekanntem aus. Sie scheint die offensichtliche Ablehnung durch den Vater ohne gefühlsmäßige Beteiligung hinzunehmen. Dass weder Gefühle von Traurigkeit oder Wut sich äußern, zeigt, wie weit sich das Vaterbild bereits über die Jahre verfestigt hat und als gegeben akzeptiert wird.] Deshalb bittet sie der Therapeut, einzufordern, woher der Vater seinen Schock bekommen hat, seine Tochter abzulehnen.

Der Großvater
Der Vater sagt, das stamme aus seiner Kindheit. Er ist oft von seinem eigenen Vater geschlagen worden. Die Mutter war lieb, aber der Vater, ihr Mann, war nicht gut zu ihr. „Er muss ganz böse gewesen sein“, so Sina wörtlich. Sina atmet schwer. Sie soll angeben, was der Vater jetzt macht. Er steht zwischen seinen Eltern und blickt Hilfe suchend zur Tochter. Sina soll ihn fragen, welche Hilfe er bräuchte. Der Vater wüscht sich, von Sina angenommen zu werden. Der Therapeut merkt dazu an, dass der Vater nicht von seinen Eltern angenommen wurde und deshalb seine Tochter nicht annehmen kann. Sina soll ihren Vater dahingehend unterstützen, dass er von seinen Eltern, vor allem vom Vater, als Kind angenommen wird. Sie äußert dem Großvater gegenüber: „Er kann ja gar keine Liebe annehmen, so kaputt hast du ihn gemacht. Der hat ja Angst vor Liebe. So wie ich mich jetzt fühle, so hat er sich wohl bei dir immer gefühlt.“ Der Großvater soll sich anschauen was er bei seinem Sohn und seiner Enkelin verursacht hat. Sina soll auch ihm ihren Kellerraum zeigen. Sie fordert den Großvater auf, seinem Sohn zu helfen, doch der will lieber „einen Schnaps als solche Diskussionen“, sagt Sina über ihn. [Der Großvater will sich den Problemen nicht stellen, sie lieber hinunterschlucken. Er ist in keiner Weise zur Mitarbeit bereit.] Sina fragt ihn, was ihm denn geschehen sei. Er äußert, man habe ihn gebrochen. Der Therapeut bemerkt, dass das in der Familientradition zu sein scheine. Sina soll dem Großvater mitteilen, dass er, wenn er gebrochen wurde, das nicht unbedingt weitergeben müsse. Der Großvater tobt, als Sina ihn bittet, seinen Sohn in den Arm zu nehmen. [So wie sich der Vater gegenüber Sina verhält, verhält sich sein Vater gegenüber ihm, jedoch in noch krasserer Form.]

Der Therapeut sieht in dem Großvater eine Schlüsselfigur zu all den Themen Sinas, vielleicht sogar zu ihrem Brustkrebs. Sie soll ihn diesbezüglich fragen. Er kommt Sina wie der Teufel vor. Dazu äußert der Therapeut, dass die Eltern, auch die Großeltern, im Menschen stecken, was auf der Gen-Ebene nachgewiesen werden kann. In morphogenetischen Feld sei es genauso: „Du bist dein Großvater, du siehst jetzt die Bilder. Er lebt in dir weiter. Er ist energetisch präsent. All seine Erfahrungen sind deine Erfahrungen. Das sind Wurzeln.“ Sina äußert, ihn gar nicht zu kennen. Er ist früh gestorben. Doch sie sieht ihn vor sich. Der Therapeut bittet sie zu schauen, was sie mit dem Großvater machen möchte. Wenn er gebrochen wurde, ist auch etwas in ihr gebrochen. Sina schützt jetzt ihren Vater, hält ihn im Arm. „Jetzt verstehst du ganz tief, was er meint mit, er muss angenommen werden.“, äußert sie dem Großvater gegenüber. Sina zeigt ihrem Vater, welch eine Bestie dessen Vater war. „Du hast es immer verdrängt.“, sagt sie. „Das ist auch sein Fehler.“, äußert der Therapeut. Er habe sich nie damit auseinandergesetzt und es so an seine Tochter weitergegeben. Der Therapeut zeigt Sina, dass sie tief an ihren Wurzeln angelangt ist. Das tobe und wüte in ihr und mache sie depressiv. Sina atmet schwer. Sie weiß nicht, was sie mit dem Großvater machen soll. Der Therapeut bittet Sina, nach dessen Frau, ihrer Großmutter zu schauen. [Damit kann er erfahren, welche Rolle sie spielt im familiären Gefüge und ob sie auch an Sinas Erkrankung beteiligt ist.] Die Großmutter ist verängstigt, versucht ihre eigenen Kinder vor dem Ehemann zu schützen. Sina wird gefragt, ob sie diese Angst auch aus ihrem Leben kenne, denn die Großmutter sei auch in ihr. Sina wurde von der anderen Großmutter geschützt, auch vor ihrem Vater.

(Groß-)Mutterliebe
Sina zeigt ihrer Mutter, wie sie von der Oma geschützt wurde. Das sei Mutterliebe, äußert sie. Das hätte ihre Mutter auch tun sollen, statt auf sie, wie Sina sagt: „mit dem Finger zu zeigen“. Sina ist sehr bewegt, atmet weiterhin schwer. Der Therapeut spielt für einige Minuten eine ruhige Musik ein. [Er gibt Sina damit die Gelegenheit, das Gefühl von (Mutter-)Liebe tief in sich aufzunehmen. Ein Gefühl, das ihr vielleicht nie entgegengebracht wurde, das sie dennoch kennt, das verschüttet, verborgen war und das jetzt Raum bekommt, vielleicht sogar den leeren „Liebesraum“ füllen darf und kann.] Die Großmutter schützt Sina, diese wiederum ihren Vater. Sie ist größer als er. [Das „verkehrte“ Größenverhältnis zeigt an, dass hier noch Arbeit zu leisten ist. Der Vater muss größer sein und die Tochter schützen.] Sina zeigt dem bösartigen Großvater und der abseits stehenden Mutter diese Situation. Die Mutter reagiert mit Unverständnis auf ihre eigene Außenseiterposition. [D.h., sie ist auch weiterhin unbetroffen. Bezüglich ihrer wird Sina noch viel (Transformations-)Arbeit leisten müssen.]

Großvaterhass
Sina sagt dem Großvater, dass er, statt zu schützen, nur weglief, nicht einmal für sich selbst Verantwortung übernahm. [Sina geht jetzt in direktem Kontakt mit ihm.] Sie soll von ihrem Großvater erfragen, ob er an sie etwas weitergegeben hat, das sie für ihn erledigen muss. Sie will wissen, ob er Sinas Bruder Jens, der sich das Leben nahm, in den Tod geschickt hat. Der Großvater nickt. Sina ist überwältigt. „Willst du das auch mit mir machen?“, fragt sie ihn. Darauf nickt er erneut. Sina ist fassungslos. Sie fragt den Opa, ob er will, dass sie sich auch zerstört. Der Therapeut wirft ein, dass Krebs auch etwas Zerstörerisches sei. [So macht er Sina die Zusammenhänge und die Folgen deutlich.] Der Opa nickt.

Sina erwähnt die Kinder des Opas, die im Krieg gefallen sind. Der Therapeut äußert, dass dieser Verlust den Opa dazu gemacht haben könnte, wie er sich jetzt zeigt, dass er den Verlust nicht überwunden haben könnte. Der Opa gibt an, sein Verhalten sei schon vorher so gewesen, er sie hierdurch nur noch böser geworden. Er konnte sich bei seinen verstorbenen Kindern nicht entschuldigen. Sina wirft ihm vor, dass er sich bei den lebenden auch nicht entschuldigt hat. Jetzt fällt der Opa in sich zusammen. [Der Großvater bricht bildlich zusammen. Das ist ein Beweis dafür, dass das bestehende Großvaterbild Sinas nicht mehr zu halten ist. Das Wort „Entschuldigen“ ist das Schlüsselwort dazu. Indem der Großvater sich entschuldigt, Schuld von sich nimmt, Schuld von sich nehmen lässt, wird er für die Belange seiner Familie empfänglich. D.h., die nicht zurückgenommene Schuld wirkte als Blockade für das emotionale Empfinden, eine Last, die Sina über ihren Vater bis jetzt zu tragen hatte.]

Vaterliebe
Sina bittet ihn, sich bei ihrem Vater, seinem Sohn, zu entschuldigen, seinem Sohn Liebe zu geben, damit er sie weitergeben kann, was dieser nie konnte. Sinas Vater hatte eine Abneigung, einen Ekel gegen Küssen und Liebe. Der Therapeut merkt an, dass der Opa jetzt die Chance habe, es ein bisschen wieder gutzumachen. Der Opa kommt auf seinen Sohn zu, der klein und hässlich wie ein Zwerg aussieht. Er gibt seinem Sohn die Hand und weint. Die Kinder stehen jetzt zwischen Vater und Mutter bzw. zwischen Sinas Großeltern. Die Oma weint vor Glück. Der Opa nimmt seine Kinder in den Arm. „Er weint fürchterlich“, äußert Sina. [Die Schuld ist verschwunden, die Blockade ist aufgelöst, die Energie fließt ab.] Alle stehen zusammen „wie eine Blume“, sagt sie wörtlich. Sie empfindet das Bild als schön. Jeder von ihnen ist Bestandteil der Blume. Der Therapeut äußert dazu: „So muss es sein. Das ist deine Herkunftsfamilie. Dein Vater müsste ein ganz anderer Mensch werden.“ Sina bittet den Vater, zu ihr zu kommen. „Jetzt ist es umgekehrt. Er ist so groß und leuchtend und ich bin so klein.“, sagt sie. „Jetzt bist du sein Kind und er ist wirklich Vater mit all seinen Qualitäten als Vater.“, ergänzt der Therapeut. Sinas Vater ist ruhig, in sich selber ruhend. Sie wird jetzt von ihm beachtet. Der Therapeut bittet sie, es ihrem Vater mitzuteilen. Sina fühlt sich mit ihrem Vater wie eine Einheit, wie Teile einer Blume: geborgen und aufgehoben. Die andere Einheit bestehend aus den Großeltern und deren Kindern, die andere „Blume“, ist ebenfalls noch da. Sinas Mutter steht weiterhin außerhalb, ebenso ihr Bruder. Ihr Vater kann jetzt seine Gefühle äußern. Sina kann nun als Kind auf seinen Schoß, sie geht mit ihm Arm in Arm.[Die Aufhebung der emotionalen Blockade zwischen Großvater und Vater wirkt auch zwischen Vater und Tochter.]

Der Therapeut bittet Sina, sich unter diesem neu gewonnenen Aspekt ihre Kindheit anzuschauen. Sie kann mit ihrem Vater über das, was sie bewegt, reden. Der Vater hat eine Verbindung zu ihr. Sina fühlt sich mit ihm, wie sie sagt „auf gleicher Ebene, glücklich.“ Der Vater versteht sie und schaut sie an. Dass sei viel mehr wert als Schule, wenn man so miteinander umgehen könne, äußert sie. Der Vater freut sich, dass Sina da ist. Er möchte, wann immer er kann, mit ihr zusammen sein. Sie lachen miteinander, arbeiten zusammen im Garten. Der Vater kann sich jetzt in ihren Schulangelegenheiten vor Sina stellen, wozu er vorher nicht in der Lage war. Über längere Zeit genießt es Sina, mit ihrem Vater allein und in Verbindung zu sein. „Wir sind uns so ähnlich.“, stellt sie fest.

Neue Qualitäten des Eingangsraumes

Der Therapeut bittet Sina nun, mit ihrem Vater in ihren Eingangsraum zu gehen. Sie sieht die Wände des Raumes jetzt mit Blumen in zarten Farben dekoriert. Die Tür führt direkt in den Garten. Das Gitter ist noch da, aber ganz oben angebracht, die Tür darunter steht weit offen. Der Raum enthält eine zweisitzige Couch, der Boden ist weich wie Rasen. Im Garten draußen scheint die Sonne, es blüht, die Vögel singen. „Ein traumhaft schöner Nachmittag“ schwärmt Sina.
Später äußert der Therapeut: „Das war ein ganz wichtiger Schritt für dich.“ Sina stimmt zu. Im Kollektivfeld, im morphogenetischen Feld der Verwandtschaft seien Themen, die die Kinder zu bearbeiten hätten, erklärt er abschließend.

Anmerkung des Editors bezüglich des Eingangsraumes

Der Eingangsraum hat im Verlauf der Sitzung schon einige wesentliche Veränderungen erfahren, die hauptsächlich durch die veränderte Haltung von Großvater und Vater hervorgerufen wurden.
Der Raum, vormals leer, ist jetzt mit einem Zweisitzersofa (für Sina und ihren Vater?) möbliert. Die vorher weiß gekalkten Wände sind mit Blumen in dezenten Farben geschmückt. (Vergl. dazu die Äußerung Sinas, sich wie ein Teil einer Blume zu fühlen.) Blumen stehen für Natur, für Schönheit, für Feierlichkeiten und in diesem Fall wohl auch für ‚Ganz-werden’, ‚Heil-werden’ und zeigen, dass dazu die Integration der Familie(nmitglieder) gehört. All das hat bereits, wenn auch vorerst aufgemalt oder als Möglichkeit ausgemalt, in Sinas Raum Einzug gehalten. Der Boden, vormals Estrich, ist jetzt „weich wie Rasen“ und verweist mit dieser Qualität auf die Natur draußen, die durch die geöffnete Tür bereits spürbar wird: „traumhaft schön“ wird es sein, wenn schließlich auch das Gitter gewichen ist.

 

 

Sitzung 2 412/2 Thema: der Tod


Zu Beginn der Sitzung, in der die Klientin das Wort „Heilung“ auf die Tür schreibt taucht der Tod auf und möchte sie mitnehmen. Die Klientin hat Angst vor ihm, er aber steht für abgespaltene Schattenanteile, für das Erstarrte, Tote in ihr. Deshalb ist es wichtig, dass sie sich mit ihm auseinander setzt, um heil/wieder ganz zu werden. Im Laufe der Sitzung begegnet sie wichtigen Personen aus ihrem Leben, die dazu beigetragen haben, dass sie immer wieder „ein bisschen gestorben“ ist. Dazu gehören ihr Bruder, der Selbstmord beging, ein Nachbar, der ihre Grenzen massiv überschritten hat und die Mutter, von der sie sich nie angenommen fühlte. Durch das innere Handeln und Ausagieren von unterdrückten Impulsen mit dem Schlagstock, sowie die Arbeit mit dem inneren Kind, gibt es schließlich eine Verwandlung. Der Tod sinkt in sich zusammen und die Klientin fühlt Ruhe und Frieden. Die Angst ist verschwunden.

Qualität des Eingangsraumes
Sina öffnet zunächst nochmals die Tür zum Raum, der sich zum Ende der vorausgegangenen Sitzung 1 zeigte. Sie stellt jedoch fest, dass die Beschaffenheit des Raumes unverändert ist.
Deshalb wählt sie erneut eine Tür ohne Aufschrift und schreibt selbst „Heilung“ darauf. Alles im „Raum“ ist dunkelblau. Es sind keine Wände erkennbar. Der Boden ist hart. Es ist dort kalt und muffig.

Grundlebensgefühl bezüglich des Raumes
Sinas Grundgefühl dort ist „nicht so schön.“, wie sie sagt. Der Therapeut wirft ein, der Raum Sinas Heilung sei irgendwie unangenehm. [Damit zeigt er ihr die Diskrepanz zwischen der Aufschrift „Heilung“ und der Beschaffenheit des „Raumes“ und bewirkt so eine leichte Provokation.] Der Raum ist scheinbar unbegrenzt.

Botschaft des Eingangsraumes

Nach der Botschaft gefragt, kommt keine Antwort. Der Raum soll auf Vorschlag des Therapeuten zeigen, warum er so ist, wie er ist. Sina teilt dem Raum mit, dass sie sich „`was Schönes“, wie sie sagt, erhofft hatte. [Sina hat unter „Heilung“ das Ziel verstanden, nur zeigt sich ihr der Weg dorthin, den sie erst zurücklegen muss.] Sie äußert, sie sei hilflos, was der Raum bestätigt.


Verlauf der Sitzung


Der Bote
Der Therapeut schickt ihr einen Boten. [Dazu wird ein Schrittgeräusch eingespielt. Zu dem akustischen Reiz taucht „zwangsläufig“ ein inneres Bild auf. Dieser Reiz ist quasi Hilfestellung bei Sinas Hilflosigkeit.] Der Bote ist groß und dunkel. „Du gefällst mir nicht.
Mit dir möchte ich nichts zu tun haben.“, äußert Sina. Sie ist der Meinung, der Bote wolle ihr Angst machen. Doch der Bote sagt, sie solle mitkommen. Er kommt ihr wie eine Hexe vor. Der Bote bleibt stehen und schaut Sina an. Sie will nicht mitkommen, obwohl der Bote sagt, sie solle vertrauen. Das kann Sina jedoch nicht.

Der Therapeut bittet sie zu schauen, ob sie der Bote an jemand erinnert, weil ihr ihm gegenüber das Vertrauen fehlt, oder ob der Bote ihr eine Situation zeigen kann, in der Sina ihr Vertrauen verloren hat oder Angst bekam. [Er greift damit den letzten Impuls Sinas auf (fehlendes Vertrauen) und bietet ihr durch eine sogenannte Y-Frage (entweder/oder) die Möglichkeit der Entscheidung, ohne sie manipulieren zu wollen.] Der Bote trägt eine Maske. Der Therapeut fragt Sina, woran sie diese Maske erinnert. Sinas Bruder hat, als er versuchte, sich das Leben zu nehmen, Masken gesehen. Solch eine Grimasse trägt der Bote, ein Bestandteil des Todes. Er sagt, Sina habe Angst, auch irgendwann sterben zu können. Er hat sich verhüllt wie jemand, der „weg war und wieder kommt“,so Sina wörtlich. [Mit dem Toten in ihr, dem „Wegegangenen“, geht Sina jetzt in Kontakt, es „kommt wieder“.] Sie sieht sich häufig sehr krank, will jedoch gesund werden. Das bezweifelt der Bote. Sina klingt weinerlich. „Du hast einen Teil in dir, der das nicht glaubt.“, äußert der Therapeut. Sina atmet schwer. Sie soll schauen, was der Bote tut. Er sagt, er wolle ihr helfen. Sina kann sich nicht vorstellen, dass „solch` hässliche Gestalten einem helfen können“ äußert sie. „Oder er sagt damit, dass der Sprung besonders groß ist, so hässlichen Gestalten zu vertrauen, und damit auch das Ergebnis besonders intensiv. Er stellt ja einen Schattenanteil von dir da, er ist ja in deinem Kopf.“, sagt der Therapeut. [Vielleicht kann man verallgemeinern: je unangenehmer, abstoßender der Bote, der innere Helfer, erscheint, desto größer wird die zur Botschaft gehörende Transformations-arbeit sein und das daraus resultierende Ergebnis.]

Der Therapeut lässt den Boten fragen, ob es Sina nützt, gesund zu werden, wenn der Bote ihr etwas zeigt. Der Bote nickt. Der Therapeut weist Sina darauf hin, dass sie sich einfach entscheiden muss, ob sie wolle oder nicht. Darauf antwortet Sina: „Ich will gesund werden.“ [Er gibt ihr damit einen Impuls, ihren Lebenswillen zu mobilisieren und gegen den „Schatten“ zu setzen. Es wird damit auch sichtbar, welche Tendenz bei Sina bewusst größer ist, nämlich die zu leben.] Der Therapeut bittet sie, sich zeigen zu lassen, was ihr zur Gesundung nützt. Der Bote sagt, das wäre sehr schwer. [Damit wird deutlich, dass gewisse Informationen nicht immer ohne weiteres abrufbar sind, auch wenn der Wunsch dazu besteht. Es müssen Hürden genommen werden. Darauf weiß der Therapeut einen simplen und doch klugen Schachzug.] Und so schlägt er Sina vor, sich zeigen zu lassen, was so schwer ist. Sina bittet den Boten konkret um Hilfe. Doch der Bote steht nur da und Sina ebenfalls. „Wir sind beide so bewegungslos.“, sagt sie. [Jetzt bezieht sich der Therapeut auf eine Szene zu Anfang der Sitzung.] Er sagt: „Die Möglichkeit ist, dass der Bote das zeigt, was er anfänglich zeigen wollte. Sina äußert: „Egal, wo du jetzt hingehen willst mit mir, ich geh`jetzt einfach mit dir.“ [Jetzt ist sie bereit, die Hürde zu nehmen. Sie hat erfahren, dass der Bote trotz aller Hässlichkeit zur Hilfe bereit ist und der Therapeut hat sie vor die Entscheidung gestellt.]

Der Bote nimmt Sina an seine knochige Hand. Der Therapeut bemerkt dazu: „Das ist eine große Herausforderung, aber vielleicht ist es deshalb auch besonders hilfreich.“ Sina und der Bote gehen gemeinsam durch Dunkelheit und Feuchtigkeit. Es erscheint ihr wie eine feuchte, dunkle Höhle. Ihre Angst vor dem Boten ist gewichen, sie wird ungeduldig, möchte, dass „sich was tut“, wie sie sagt. [Hier zeigt sich ihre Bereitschaft, sich der Herausforderung zu stellen.] Zwei Treppen tauchen auf: eine führt nach oben, die andere nach unten. Der Bote bleibt davor stehen. Sina soll sich entscheiden, in welche Richtung sie gehen will. Sie meint, wenn sie nach oben ginge, käme sie vielleicht ans Licht, wenn sie nach unten ginge, wäre es vielleicht besser für sie. [Hier zeigt sich nochmals symbolisch auf einer tieferen Ebene die Entscheidungsmöglichkeit, die Sina vorher ganz bewusst wahrgenommen hat.] Der Therapeut lässt Sina fragen, was für ihre Gesundheit wichtiger wäre. [Damit appelliert er indirekt an ihren Lebenswillen, erinnert sie an ihre Themenstellung „Heilung“ und ihre bewusst getroffene Entscheidung „Ich will leben.“, lässt ihr aber die Wahl.] Sie könne dann immer noch selbst entscheiden, sagt er.

Sina dauert es viel zu lange. Es gefällt ihr dort überhaupt nicht. „Dieses stumme Nebeneinanderhergehen, Nichtsreden ist grauenvoll.“, äußert sie. Der Therapeut bittet sie: „Schau mal, woher du das kennst.“ „Dass mein Vater `mal `ne Woche nicht mit meinem Bruder gesprochen hat.“, antwortet Sina. Das war für sie genauso fürchterlich. Sie soll den Boten fragen, ob es das ist, woran er sie erinnern will. Das sei es nicht, gibt der Bote zu verstehen. Sina seufzt.

Es geht immer tiefer hinunter. Dann sind sie unten angekommen. Der Therapeut lässt Sina beschreiben, was sie dort wahrnimmt. Sie äußert: „Es ist wie ein Loch, es riecht auch nicht gut hier. Ich seh`ja hier gar keinen Ausweg mehr. Es ist furchtbar hier.“ [Sina sieht, dass sie sich mit ihrer Entscheidung, dem Boten zu folgen, festgelegt hat: sie muss sich mit dem, was „ihr stinkt“, mit dem Furchtbaren, konfrontieren. Der schlechte Geruch korreliert mit dem des Eingangsraumes auf S. 7.] „Was will er dir damit zeigen?“, fragt der Therapeut. Sina klingt jammervoll und ungehalten.
Sie will, dass der Bote sich zeigt. Ob sie ihm die Kapuze herunternehmen könne, möchte der Therapeut wissen. Das möchte Sina einerseits schon, andererseits, hat sie Angst zu erfahren, was sich darunter verbirgt. Es könnte „`was ganz Schlimmes sein.“, bemerkt sie und fragt: „Was sollen wir denn jetzt machen?“ [Der Wunsch nach Konfrontation und die Angst davor arbeiten hier gegeneinander. Deshalb richtet sich Sina mit ihrer Frage nach außen: „Was sollen wir denn jetzt machen?“ Im ‚wir’ steckt der Bote, der Wunsch nach Konfrontation, und Sina mit ihrer Angst davor. So drücken sich im ‚wir’ die gegensätzlichen Tendenzen aus, die wiederum eine Festlegung in eine Richtung erfordern. Mit der Frage äußert Sina ihre Ratlosigkeit und evtl. auch das Bedürfnis, sich die Entscheidung abnehmen zu lassen. Die von Sina gestellte Frage, gibt der Therapeut geschickt an sie zurück, indem er sie auf sich selbst verweist, auf ihr selbst gewähltes Thema „Heilung“ und ihr selbstgestecktes Ziel „Ich will gesund werden.“] So bittet er sie zu spüren, ob es für ihre Heilung wichtig sei. Dann könne sie sich entscheiden. [Indem er das Wort „spüren“ wählt, hält er Sina mit ihrem Gefühl in Kontakt und verhindert, dass sie die Entscheidung mit dem Verstand fällt.] Sie könne auch den Boten fragen. Der würde nichts gegen sie unternehmen, und so sagt der Therapeut wörtlich: „Wenn du dich nicht dafür entscheidest, dann bleibt es weiterhin dunkel.“ Sina soll den Boten fragen, ob das stimmt. [Der Therapeut zeigt ihr die Folgen der Entscheidung auf und lässt das von ihm Geäußerte vom Boten „überprüfen“.]

Sina wird ungehalten. „Ich will `was wissen.“, äußert sie. Sie traut sich aber nicht. Der Therapeut gibt ihr den Hinweis: „Spür`mal, dass du`s entscheiden musst.“ „Ich muss es entscheiden.“, wird es Sina bewusst. Der Therapeut äußert, dass es möglicherweise ausreiche, dem Boten nur die Maske abzunehmen. Durch das Tun würde eine Entscheidung getroffen. [So erfüllt die Handlung zweierlei: zum einen äußert sich im Handeln die Entscheidung für die Konfrontation, zum andern kann sich so die Spannung lösen, die sich durch die kontroversen Gefühle aufgebaut hat. Die Spannung ist sozusagen die Triebfeder für die Handlung.]


Der Tod
„Ich muss dir jetzt die Kapuze wegnehmen.“, sagt sie zum Boten, und weiter: „Das ist ein Skelett.“ „Rede mit ihm.“, schlägt der Therapeut vor [und ermuntert sie damit zur Kontaktaufnahme.] Sina stellt erstaunt fest: „Du bist ja der Tod. Ich möchte nicht schon wieder einen Tod sehen.“ Sina will wissen, ob es ihr Bruder ist. Das verneint ein Tod. „Es kann nicht sein, dass ich das bin.“, äußert sie entsetzt. Doch der Tod bestätigt ihre Annahme durch Kopfnicken. Der Therapeut fragt Sina, ob er das Tote in ihr sei, das er repräsentiert. „Bist du das Tote, das Verletzte in mir?“, möchte sie wissen. Der Tod bejaht. Dazu äußert der Therapeut: „Ganz tief hattest du nach deiner Heilung gefragt. Heilung ist immer Integration von Schatten, Ganzwerden, d.h., jetzt siehst du dich als Schattenanteil. Den Teil hast du abgespalten, wenn du so willst. Du müsstest ihn annehmen, und da sagt er das Richtige: ‚Ich bin du.’ Aber was von dir? Welche Ereignisse haben dazu beigetragen, dass er so geworden ist, dass du so geworden bist? Welche Anteile sind gestorben oder sind verletzt oder sind so heftig, dass du sie nicht spüren willst? Die müsste er dir alle zeigen, und dafür müsstest du eine Bereitschaft haben, um sei dir alle anzukucken oder sie noch mal zu spüren.“ Sina soll den Boten fragen, ob das stimmt. [Damit zeigt ihr der Therapeut die gesamte „Bandbreite“, die die Aussage des Todes ‚Ich bin du.’ beinhaltet. Durch seine abschließende Frage lässt er seine Äußerungen durch den Tod verifzieren. Damit macht er das von ihm Gesagte zu dem Sina Betreffenden.] Folgerichtig nickt der Tod.

Der Therapeut bittet Sina, sich vom Tod diesbezüglich wichtige Ereignisse nacheinander zeigen zu lassen. Sie will wissen, wann sie zum ersten Mal „ein bisschen gestorben“ ist, wie sie sagt. Der Tod steht jedoch wie unbeweglich da. Der Therapeut schlägt vor: „ Berühr` ihn `mal. Das ist ja immer so ein bisschen ‚annehmen’.“ Damit lässt der Therapeut Sina in größtmöglichen Kontakt, in Körperkontakt, gehen. Die Unbeweglichkeit des Tods drückt ja Erstarrung, fehlenden Kontakt, aus.]

„Du bist ja ganz warm, du bist nicht tot. Du siehst nur so aus.“, stellt Sina erstaunt fest. Der Therapeut sagt dazu, dass es möglich sei, dass Sina durch die Beschäftigung mit dem Schattenanteil ihn bereits ein wenig angenommen, integriert habe. „Willst du dich verändern?“, fragt Sina den Tod. „Frag ihn, welche Person dazu beigetragen hat, dass der Tod so geworden ist, wie er ist. [Nur diese Person(en) kann/ können das Bild vom Tod verändern. Der Verursacher des Bildes muss auch dessen Beseitiger sein. Damit bietet der Therapeut eine zielgerichtete Hilfestellung.]


Verursacher des Bildes vom Tod
Es tauchen diesbezüglich mehrere auf. Als erster erscheint Sinas Bruder. Sina soll ihm den Boten, diesen Teil von ihr zeigen, an dessen Entstehung der Bruder offensichtlich beteiligt ist. Sie soll den Bruder direkt fragen, ob sein Selbstmord mit dazu beigetragen hat, dass etwas auch in ihr gestorben ist. Der Bruder nickt. Sina war bei seinem Tod dreißig Jahre alt. Weiter soll sie ihm zeigen, was mit ihr geschehen ist. Der Bruder wird um Hilfe gebeten, Sina von dem „Stück“ Tod zu befreien. Er antwortet, sie solle an ihr Leben glauben. [Das ist sehr allgemein formuliert und bietet deshalb als Ratschlag keine wirkliche Hilfe zur Auflösung.] Deshalb schlägt der Therapeut vor, der Bruder möge sie um Entschuldigung bitten dafür, dass er sie in Angst und Schrecken versetzt hat. Dazu ist der Bruder bereit. Sina soll schauen, ob auch der Tod die Entschuldigung annimmt, [ob der Schattenanteil in Sina zur Akzeptanz bereit ist. Vergl. dazu auch die Anmerkungen des Editors in Sitzung 1, S. 5.] Das kann der Tod.

Als nächstes möchte der Therapeut wissen, wer noch kommt. Es erscheint ein Nachbar, der Mann von gegenüber. Sina soll auch ihm Ihren Tod zeigen. Zum Nachbarn sagt sie: „Du bist so eklig, du bist selbst so `ne Grimasse. Du machst einem noch mehr Angst.“ [Indem sie allgemein „einem“ und nicht speziell „mir“ sagt, will sie sich „die Angst vom Leibe halten“.] Der Therapeut merkt an: „Er ist noch eine Angstfigur.“ [Vielleicht könnte man sagen, dass der Bote, der Tod, neben oder in seiner Qualität als Helfer die personifizierte Angst ist, bestehend aus der Summe all derer, die in Sinas Leben vor dem Hintergrund ihrer Wehrlosigkeit massive Angst erzeugten. Wenn das zuträfe, müssten alle in Verbindung mit dem Tod auftretenden Personen diese Qualität haben.] Sina teilt dem Mann mit, dass es eklig war, von ihm angefasst, hochgehoben und geküsst zu werden. Sie zeigt ihm erneut den Tod und seine Beteiligung an dessen Entstehen. Der Mann lacht jedoch nur und antwortet, Sina habe Glück gehabt, weil sie weglief. Der Therapeut bittet die heutige Sina der damals elfjährigen zu helfen. [Damit hat Sina die Möglichkeit, ihre Qualität der Erwachsenen mit einzubringen, die die Auswirkung dieses Ereignisses auf die Junge bereits kennt.]

Sina sieht sich als ihre Mutter, die diese Situation wahrnimmt. Die Mutter ist außer sich, schubst den Mann fort, nimmt ihr Kind, schützt es und hilft ihm. Sina fühlt sich geborgen und teilt es der Mutter mit. Das Gefühl ist schön und neu für sie. Der Therapeut merkt an, dass der Tod sich verändert haben müsse. [Die Mutter, die bis jetzt noch nicht „Gegenstand“ der Sitzung war, und die höchstwahrscheinlich auch als krankheits verursachender Faktor in Frage kommt, zeigt sich hier als bereitwillige Helferin. Da Sina jetzt mir in Kontakt getreten ist und von ihr Hilfe erfuhr, müsste dies Auswirkungen auf das Bild vom Tod, vom Boten, haben.]
Sina soll den Tod zusammen mit der Mutter in dem Loch betrachten. Der Tod kauert jetzt in einer Ecke. Er ist schwach geworden, kann nicht mehr stehen. [D.h. der Schattenanteil verliert durch das In-Kontakt-gehen seine Wirkungsintensität.] Der Therapeut fragt Sina, wie es ihr damit gehe. „Super“, antwortet sie. Der Therapeut erläutert: „Du hast offensichtlich Ereignisse angesprochen, die dazu beigetragen haben, dass er [der Tod] stark geworden ist, und durch dein Ansprechen ist er jetzt schwach geworden. Du hast ein Stückchen aufgeräumt, integriert. Der Bruder, der Nachbar, die Mutter, offensichtlich dadurch, dass sie jetzt sehr positiv gewirkt hat, haben dazu beigetragen. Wer noch?“ [Es ist für die spätere Transformationsarbeit wichtig, alle Beteiligten ausfindig zu machen.]


Der Nachbar
Sina sucht längere Zeit. Der Tod gibt an, dass weiter niemand beteiligt ist. Der Therapeut bittet Sina zu schauen, ob sie den Nachbarn in seiner Art annehmen kann. Das ist ihr jedoch nicht möglich.[Da kein weiterer Faktor an der Entstehung des Bildes vom Tod beteiligt ist, kann jetzt die Transformationsarbeit beginnen.] Gefragt, was sie mit ihm machen will, antwortet sie, dass sie ihm das gleiche Ekelgefühl, das sie empfand, vermitteln, etwas Grausames zufügen will. [Der Therapeut hat festgestellt, dass Sina das Bild vom Nachbarn, das sie noch in sich trägt, nicht akzeptieren kann. Das zeigt auch, wie weit die Hilfe der Mutter geht: sie wird zwar als unterstützend und tröstlich empfunden, reicht aber nicht aus, das negative Bild zu löschen. Dieses muss folglich noch bearbeitet, verändert, werden, um nicht mehr negativ und damit krankheits begünstigend zu wirken. Das kann erreicht werden, indem Sina durch eigenes Handeln den Nachbarn dazu bringt, sich zu verändern. Deshalb fragt sie der Therapeut, was sie mit dem Nachbarn machen wolle. Der Groll, den Sina noch auf ihn hegt, ist der „Motor“ für Sinas weiteres Handeln, sozusagen ein „endokriner“, ein innerer Reiz, für die nun folgende Reaktion. Aus Sicht der Verhaltensforschung ließe sich der Ablauf folgendermaßen deuten: Das Fehlverhalten des Nachbarn, dieser für Sina immense Reiz, hätte einer Reaktion Sinas bedurft, nämlich ihrer Gegenwehr oder stellvertretend z.B. die von Vater oder Mutter. Diese Reaktion ist von der damals Elfjährigen aus verständlichen Gründen nicht erfolgt, auch von sonst niemandem. Es blieb Sina nur die Duldung. D.h., die Reiz-Reaktionskette wurde unterbrochen, die durch den Reiz erzeugte Energie konnte nicht nach außen abfließen , sich nicht in einer Handlung entladen, blieb im Innern vorhanden (als das negative Bild), wirkte weiterhin unterschwellig (und damit krankheits begünstigend).]

So äußert der Therapeut Sina gegenüber, sie habe sich jetzt wehren müssen, was sie als Kind nicht konnte. Sie solle schauen, wie es dem Nachbarn mit dem Tod gehe. Der Nachbar wirkt jetzt zerteilt wie ein Regenwurm. Doch das reicht noch nicht. Sina schlägt ihm mit dem Schlagstock auf den Kopf, auf seine Gedanken, und auf den Penis, sein Werkzeug. Der Therapeut bittet Sina, die Reaktion des Nachbarn wahrzunehmen. Der Nachbar soll sich entschuldigen, was er auch winselnd tut. Sie schlägt ihn erneut und fühlt sich besser. Ihre Stimme klingt nicht mehr so gepresst. Der Nachbar zeigt jetzt Reue. [Sina holt das Versäumte endlich nach. Aus der Sicht der Verhaltensforschung könnte man hinzufügen: der Reiz ist beantwortet, die Reaktion ist erfolgt, wenn auch zeit verzögert. Die Reiz-Reaktionskette ist geschlossen, die Energie abgeflossen.]

Der Therapeut bittet Sina zu spüren, ob der Nachbar es ehrlich meint. Doch der verhält sich nur so, weil er Sina ausgeliefert ist. Sie kann ihm nicht vertrauen.


Die Mutter
Sina soll schauen, wie der Tod jetzt aussieht. Der sitzt da wie ein alter Mann. Sie soll ihn fragen, was er bräuchte, um sich zu transformieren, aufzulösen oder wieder jung zu werden.
Der Bote antwortet, Sina brauche ihre Mutter. [Hier wird deutlich, welch großen Einfluss die Mutter auf Sina nimmt. Sina ist nicht in der Lage, zu vertrauen, solange sie das Verhältnis zu ihrer Mutter nicht geklärt hat, das Mutterbild nicht verändert hat. Es zeigt sich auch sehr klar, dass der Bote, der Tod, das Wissen um die eigene Entstehung und um deren Auflösung in sich trägt, indem er äußert, Sina brauche zu seiner Auflösung ihre Mutter.] „Dann hol`sie“, bittet der Therapeut. Das fällt Sina sehr schwer. Sie teilt dies der Mutter mit und zeigt ihr auf Vorschlag des Therapeuten den Tod. Sina weint, sie klingt bedrückt und äußert der Mutter gegenüber: „Der Tod hat auch mit dir zu tun.“ Das weiß die Mutter auch. Sina wollte immer alles gut machen, aber nichts war der Mutter recht. Sie hat es die Tochter von Anfang an spüren lassen. Sina seufzt. Der Therapeut bittet sie, der Mutter zu zeigen, dass etwas in ihr gestorben ist, tot ist, dass dieser Tod sich reduziert hat auf das In-der-Ecke-Sitzen. Er sagt wörtlich: „Deine Mama müsste den Tod annehmen, ihm die Hand reichen. [Damit würde dieser tote Anteil „Mutter“ wieder integriert und lebendig, denn das, was vom Tod übrig ist, und die Mutter sind ja eins.

Sina zeigt der Mutter deren Anteil. Die Mutter streichelt den Tod, doch der Tod bleibt unverändert sitzen. Sina soll den Tod fragen, wie es sei, von der Mutter angenommen zu werden. Das ist sehr schön für ihn. Sie soll ihn weiter fragen, was er brauche. Der Tod antwortet, er sei traurig. So nimmt ihn Sina auch wahr. „Er braucht Liebe, Geborgenheit, alles, was ein Kind braucht.“, sagt Sina. Dazu äußert der Therapeut: „Das heißt, deine Mama wäre noch ein ganz eigenes Thema. Alles, was Mama und Kind noch nicht integriert haben, repräsentiert er [der Tod]. „Die Traurigkeit und auch die Heilung.“, äußert Sina.

Darauf entgegnet der Therapeut: „Die Heilung kann erst passieren, wenn du dich ganz angenommen fühlst. Lass` mal dein Inneres Kind auftauchen. Schau `mal, wie alt es ist und wie es ihm geht.“ [Das Innere Kind ist das aus der Kindheit von sich selbst abgespeicherte Bild. In diesem Fall dient es sozusagen zur Kontrolle. Sein Verhalten ist ein Gradmesser für das Verhältnis zwischen Tochter und Mutter und für die Intensität der noch von Sina zu leistenden Integrationsarbeit.]


Das Innere Kind
Die kleine Sina klammert sich an die große und hält Ausschau nach der Oma. „Sie ist so hilflos ohne die Mama, aber sie geht nicht zur Mutter.“, äußert Sina. „Das musst du noch bearbeiten. Dein Inneres Kind muss Vertrauen haben zur Mama.“, bemerkt der Therapeut.

Sina soll der Mama zeigen, wie sehr die Kleine Angst vor ihr hat, obwohl es umgedreht sein sollte: sie sollte für Sina da sein, sie beschützen. Sie zeigt es der Mutter und teilt ihr mit: „Da sind unglaubliche Barrieren zwischen euch beiden.“ [Hier wird auch sehr deutlich, wie die Angst das Vertrauen verhindert, ihm im Wege steht.] Die Mutter kann weder Hilfe noch Liebe geben. Die Mutter stellt sich neben den Sohn, dem sie Liebe entgegenbringt. Das weiß Sina. Jetzt nähert sich die Mutter der Kleinen, legt ihr den Arm auf die Schulter und kniet sich neben sie. Sie wolle Sina helfen, sagt die Mutter, fasst den zusammengesunkenen Tod an die Hand und nickt ihm zu. „Der müsste sich verändern. Was passiert?“, fragt der Therapeut. „Der bleibt da sitzen“, antwortet Sina. Dann müsste Sina sich verändern, den Tod nicht mehr als bedrohlich empfinden, meint der Therapeut. Er wirkt nicht mehr bedrohlich, sondern wie jemand kurz vor dem Tod. Der Therapeut merkt an: „Das würde bedeuten, du müsstest ihn annehmen. Da gibt es noch einen Teil in dir, der ist noch ganz hilflos und kraftlos und arm, den selbst deine Mama annehmen kann. Den müsstest du annehmen.“ Sina sagt dem Tod: „Ich kann dich annehmen.“. „Den bearbeiten wir dann.“, ergänzt der Therapeut. Sina soll zurückgehen in den ersten Raum, in den Raum ihrer Heilung.


Veränderung des Eingangsraumes
Der Eingangsraum hat sich folgendermaßen verändert. Sein Boden vorher kalt, ist weich wie warme Erde. Sina nimmt alle Beteiligten mit hinein: den Bruder, die Mutter, den Tod, die kleine und die große Sina. Der Raum, zu Beginn der Sitzung ein räumlich undefinierbares Dunkelblau, erscheint ihr wie eine endlose Wiese. Dazu merkt der Therapeut an: „Vielleicht ist das der Ausdruck von Heilung.“ Sina empfindet Ruhe und Frieden. Die Angst ist fort. Alle Beteiligten sitzen, zwar ein bisschen traurig, ruhig auf der Wiese. Dort ist es nicht so dunkel und eng wie unten in dem Loch. Der Therapeut sagt dazu: „Das war der Schatten, den du, was schwierig war, annehmen musstest, was du getan hast. Und der hat massive Änderung erfahren.“

 

 

Sitzung 3 (Registrier-Nr. 412/3 )

Thema: die Mutter

Die Klientin setzt sich in dieser Sitzung mit dem Energiebild ihrer Mutter auseinander. Es wird deutlich, dass sie, sowie ihr Bruder, der Selbstmord begangen hat, das „Nein zum Leben“ von der Mutter übernommen haben. Im Inneren der Klientin tobt der Hass, der sie – wie sie selbst sagt „zerfrißt“. Auch hier ist die Arbeit mit dem Schlagstock notwendig, um die erstarrte Wut abfließen zu lassen. Am Ende ist das innere Bild der Mutter vollkommen verändert. Die Klientin empfindet sogar Bewunderung für sie, und die Liebe zwischen allen Familienmitgliedern kann wieder fließen.


Vorinformation für den Leser
Die folgenden drei Sitzungen werden ausschließlich zusammengefasst wiedergegeben ohne Kommentare zur Vorgehensweise des Therapeuten und zum Inhalt der Sitzung, denn die Arbeitsmethode des Therapeuten bleibt gleich. Sie zu erklären, würde Wiederholung des bereits Gesagten bedeuten. Mit den Kommentaren zum Inhalt verhält es sich ebenso. Der Editor gibt lediglich in eckige Klammern gesetzte Verständnishilfen zum Text.


Vorgespräch
Sina äußert, dass sie großen Zweifel habe, gesund zu werden, was sie zeitweise nicht wahrhaben wolle. Sie spricht den Therapeuten auf den Gang an, den Tunnel in die Tiefe, der in der vorausgegangenen Sitzung 2 auftauchte. Der Therapeut erklärt dazu, dass der Tunnel ein Schattentunnel sei, der in die Tiefe führe. Die Sitzung lief hauptsächlich auf der Symbolebene ab. Von daher konnte auch keine tief greifende Transformation stattfinden. Die Nachwirkung der Sitzung 2 ist daher passend. Sina ist jetzt im Dauerkontakt damit [mit dem Aufgedeckten], bis es sich wirklich aufgelöst hat. „ Das "Ja" zum Leben kann man nicht mental machen.“, so der Therapeut wörtlich.

Qualität des Eingangsraumes

Sina nimmt eine Kellertür wahr mit der Aufschrift „Mutti“. Es zeigt sich ein großer, heller Raum, der leer ist und eine verschlossene Tür nach draußen aufweist. Neben der Tür sitzt Sinas Mutter in ihren siebziger Jahren. Es geht ihr nicht gut. Auf ihren Zustand angesprochen, äußert die Mutter, einsam, hilflos und verlassen zu sein.

Grundgefühl bezüglich des Raumes
Sina fühlt sich unter Druck gesetzt, helfen zu müssen. Sie hat die Mutter nie fröhlich, sondern stets schlecht gelaunt und unzufrieden erlebt. Das hat auf Sina abgefärbt, stimmt auch sie traurig. Die Mutter hat ein „Nein“ zum Leben, das auch Sina in sich trägt.

Verlauf der Sitzung


Die Mutter

Sina hatte oft ein schlechtes Gewissen, für die Mutter nicht gut genug zu sein. Die Mutter ist an der Entstehung des Brustkrebs mit beteiligt, hat es der Tochter sogar vorausgesagt. Das „Nein“ der Mutter zum Leben hat mit den Brustkrebs verursacht. Der Therapeut merkt dazu an: „Das senkt deine Lebensenergie, deine Immunabwehr.“ „Ich hasse dich, so wie du bist.“, sagt Sina ihrer Mutter. Sie schreit immens, hätte die Mutter umbringen können. Der Therapeut verdeutlicht Sina: „Du hast dich nie getraut, nein zu ihr zu sagen. Das muss du jetzt tun, es jetzt nachholen. Du musst dich mit der Mutter auseinandersetzen.“ Sina schluchzt: „Das zerfrisst mich [wie der Krebs]. Ich will dich nicht mehr in mir haben.“ „Das ist das Monster in dir. Das musst du besiegen. Du musst deine Mutter besiegen. Deine Mutter lebt in dir abgespeichert weiter. Da sitzt dein „Nein“ mitten im Raum [Eingangsraum]. Frag deine Mutter, ob sie dein Krebs ist.“; fordert der Therapeut Sina auf. Die Mutter bejaht. Der Therapeut äußert weiter, diese Energie habe sich verselbständigt, sei zum Krebsgeschwür geworden. Normalerweise müsse die Mutter hinter der Tochter stehen, aber das sei dabei herausgekommen. „Du hast dich vergewaltigt, bist nicht du selbst geblieben.“, sagt er weiter. Die Mutter äußert, Sina sollte nicht glücklich sein, weil sie es auch nicht war. Der Therapeut ergänzt: „Deshalb hast du den Krebs: weil du nicht glücklich bist.“ Sina sagt zur Mutter: „Ich war zu stark für dich, so wie dein Mann stark war. Das konntest du nicht ertragen. Darum hast du den Jens [Bruder von Sina] geliebt: weil er so schwach war.“ „Und trotzdem hast du dich nach ihr gerichtet. Das heißt: sie war stärker, sie hat dich besiegt. Du hast nicht gemacht, was du wolltest.“, zeigt der Therapeut auf. „Du hast mich immer noch im Griff.“, wird es Sina klar. „Sie wohnt in deinem Kopf weiter, und deshalb musst du dich jetzt auseinandersetzen. Und sie muss dich freigeben. Frag`sie `mal, ob sie sich das überhaupt vorstellen kann.“, btitet der Therapeut Sina. „Du bist mein Todesanteil“, wirft Sina der Mutter vor. Doch die schüttelt den Kopf, der Bruder Jens gehöre mit dazu. Sina äußert in Bezug auf den Tod ihres Bruders: „Da hab` ich sehr gelitten, aber ich musste stark sein.“ Sie sagt der Mutter: „Ich musste dich ständig heben und bin selbst dabei gesunken.“

Eskalation
„Dreh`s jetzt um“, schlägt der Therapeut vor. Sina hat die Mutter belogen, behauptet, sie habe eine schöne Kindheit gehabt. In Wirklichkeit hat sie darunter gelitten, keine Liebe von der Mutter bekommen zu haben. Der Therapeut schlägt vor: „Hol`den Jens herbei. Er soll dir helfen.“ „Wir hatten keine Zuflucht. Es gab keine Harmonie. Der Mutter macht es nicht so viel aus.“ „Du musst sie erreichen.“, unterstützt der Therapeut. Doch die Mutter ist kalt und unberührt. „Ich will glücklich leben.“; äußert Sina. Der Therapeut bittet sie, den Bruder Jens weiter anwesend sein zu lassen. Er solle mit Sina zusammenhalten und der Mutter mitteilen, was ihn bewegt hat, weshalb er gegangen ist. Er äußert: „Ich durfte nicht sein, wie ich war. Ich war ständig unter Druck, ich war nicht fröhlich. Es gab keine Gemeinsamkeit. Ich konnte mich nur noch einigeln, ich war wie zementiert.“ Sina soll schauen, ob die Mutter den Sohn wahrnimmt. Die Mutter jedoch bestreitet ihre Schuld. Doch auch Sina gibt ihr Schuld, erreicht die Mutter aber nicht mit ihren Worten. Die verweist auf den Vater, behauptet, der habe Schuld. Daraufhin bittet der Therapeut, auch den Vater anwesend sein zu lassen. Als sich Sina ihm mitteilt, schüttelt er nur den Kopf. Die Mutter gibt an, von ihrem Mann keine Liebe bekommen zu haben. Er konnte sie nicht lieben. Deshalb konnte sie ihre Kinder nicht lieben. „Das heißt, sie hätte Liebe gebraucht von deinem Papa, und der hätte Liebe gebraucht von seinem Papa. Und keiner hat `was bekommen, deshalb konnte keiner `was geben.“, ergänzt der Therapeut. Das bejaht Sinas Mutter. Sina soll nun auch deren Eltern hinzuholen. Die hätten sich auch nicht geliebt, bemerkt Sina. Die Großmutter war eifersüchtig, Sinas Mutter ebenfalls, auch auf ihre glückliche Tochter. Das hat Sina gespürt und deshalb entwickelte sie Schuldgefühle. Die Mutter konnte auch Sinas glückliche Ehe nicht mit ansehen.

„Du hast uns nichts Gutes gewünscht all`die Jahre. Du hast uns alle auf dem Gewissen, auch den Vati.“, wird es Sina klar. Der Therapeut möchte wissen, ob die Wut, die Sina oft ihrer eigenen Tochter gegenüber empfand, von der Mutter stammt. Das bejaht Sina. Sie soll nun die Tochter hinzuholen und ihr dies mitteilen. Sina schluchzt, als sie sagt, dass sie diese Gefühle an ihre Kinder weitergegeben hat. Sie hat auch die Eifersucht der Mutter übernommen. Sina nimmt in der ganzen Bandbreite den negativen Einfluss der Mutter auf die anderen Familienmitglieder wahr: „In jedem von uns bist du drin.“ Sie soll nun den Bruder fragen, ob er gestorben sei, damit die Mutter leben konnte. Der Bruder nickt. „Das ist Horror.“, äußert Sina entsetzt. Das bestätigt der Therapeut. „Du bist kein Mensch.“, wirft Sina der Mutter vor. Sie äußert unter Schluchzen: „Wir halten deine Macht nicht mehr aus. Ich will dich vom Stuhl [im Eingangsraum] schubsen.“ „Das ist eine gute Idee.“, bestärkt sie der Therapeut. Der Vater Sinas hat, bevor er gestorben ist, acht Jahre gelitten. Sie musste ihn pflegen. Die Mutter sah sich dazu nicht in der Lage. Die Mutter äußerte damals, dass sie nur zu Besuch käme, um ihren Mann zu sehen und nicht der Tochter wegen. „Du bist ein Drecksstück.“, klagt Sina die Mutter an, und weiter: „Ich hab`so eine Wut in mir.“ Die Mutter ist jetzt in sich zusammengesunken, doch der Hass in ihr ist noch da. Sina empfindet kein Mitleid mehr mit der Mutter. „Ich wehr`mich gegen dich. Ich will irgendwas tun, damit du`s einsiehst, was du angestellt hast.“; äußert Sina energisch. Der Therapeut verdeutlicht den Sachverhalt: „Sie konnte es anstellen, weil ihr keiner in den Weg getreten ist. Nach außen hin war sie so schwach, aber sie war die stärkste von allen.“ Keiner hat sich jemals gegen die Mutter zur Wehr gesetzt. Jetzt sollen die Familienmitglieder Sina Hilfe leisten.


Der Vorgang der Transformation: die Bearbeitung des Mutterbildes
Sina schlägt mit dem Schlagstock auf die Mutter ein. Der Therapeut bittet sie, die übrigen Familienmitglieder zu animieren mitzuhelfen. „Du darfst diese Frau umbringen. Das Bild muss zerstört werden.“, unterstützt der Therapeut. „Es muss hier ein Ende haben, diese Tyrannei.“, wird es Sina klar. Alle Anwesenden müssen sich wehren, damit die Macht gebrochen wird. Sina schlägt erneut, ihr jüngster Sohn, ihrer Tochter und ihr Vater helfen mit. Sinas Mutter wird in dem Bild gefangen gehalten. Sina soll den restlichen Familienmitgliedern verdeutli-chen, dass sie diese erlösen, das Bild zerstören müssen. Sina bittet sie um Mithilfe und schlägt nochmals. Drei Familienmitglieder sind immer noch nicht bereit zu helfen: der älteste Sohn Sinas, der sich von seiner Oma Materielles erhofft, und Sinas Großeltern. Sina muss weitere Überzeugungsarbeit leisten, damit auch diese mitmachen, um Sinas Mutter und auch sich selbst zu erlösen. Zum Ende des Schlagens äußert Sina erschöpft: „Jetzt haben wir es geschafft.“ Sina kann die Mutter in ihrem Eingangsraum nicht mehr sehen. Der Stuhl ist leer.

Das Resultat der Transformation: das neue Mutterbild
Der Therapeut bittet Sina, die Mutter erneut in den Raum zu rufen. Sie kommt durch die Tür hinein. „Du siehst ganz anders aus. Du bist so jung und hübsch. Du bist nicht die, die da vorhin war. Du hast `ne ganz tolle Ausstrahlung: freundlich.“, begrüßt Sina die Mutter. Sie soll sie fragen, ob es zu ihrer Erlösung, zu ihrer Transformation nötig war, dass sich alle gegen sie wehrten. Die Mutter nickt. Sie fühlt sich jetzt ganz frei.

Der Therapeut erläutert: „Die Mutter war der eine Teil, und die Familie war der zweite Teil, der dazu beigetragen hat, dass sie so geworden ist. Sie und der Kontext haben sich bedingt.“ Die anderen Familienmitglieder sind auch begeistert von der liebevollen Ausstrahlung und der Fröhlichkeit der Mutter. Ihr Sohn Jens würde unter diesen neuen Umständen keinen Selbstmord begehen. „Das ist deine Mama.“, verdeutlicht der Therapeut. „So kann ich dich annehmen. Du bist so echt. Eine richtig tolle Frau bist du.“, mit diesen Worten drückt Sina ihre Bewunderung für ihre Mutter aus. Der Therapeut fragt Sina nach dem Alter, in dem sie ihre Mutter so sieht. Sina nimmt sich noch ungeboren im Mutterleib wahr. Der Vater liebt die Mutter sehr. Sinas Großeltern sind stolz auf ihre Tochter. Sina kommt als Kind sehr gerne zu ihren Eltern. Die Geburt ist einfach, Sina ist ein kräftiges Kind. Die Mutter ist stolz auf die gewünschte Tochter.

Auf der Zeitachse vorausgehend, empfindet Sina ihre Kindheit und Jugend als positiv und schön. Die Mutter nimmt Teil am Leben ihrer Kinder. Wenn Sina eine schlechte Note aus der Schule nach Hause bringt, ist die Mutter unterstützend auf ihrer Seite, schließt sie tröstend in die Arme. Auch der Vater hat sich dadurch, dass er eine „neue“ Frau hat, verändert: er unterhält sich mit ihr. Die Familie sitzt gemeinsam am Tisch, auch der Bruder Jens ist mit dabei. „Wir sind jetzt auch so eine Blume.“, sagt Sina. [Sie bezieht sich damit auf ihre Äußerungen in Sitzung 1 im Abschnitt „Vaterliebe“ auf S. 6.]
Sina geht auf der Zeitachse weiter voraus: als sie selbst ein Kind erwartet, sind beide, Mutter und Schwiegermutter, zur Hilfe bereit.

Noch weiter auf der Zeitachse vorausgehend, zeigt sich Sinas Mutter im Alter als zufrieden, freut sich auf die Besuche ihrer Tochter und ihres Sohnes.

Veränderungen des Eingangsraumes
Sina soll nochmals in ihren Eingangsraum zurückgehen. Dort sind nun viele Stühle. Der Raum hat eine große Sprossentür nach außen und Fenster wie in einem Herrenhaus. An den Raum schließt ein großer Garten. Dort geht es quirlig zu. Der Therapeut möchte wissen wie es Sina in diesem Bild geht, nachdem sie den Schatten transformiert hat, denn dieses Bild ist die Transformation des Schattenbildes. „Das ist Licht, kein Schatten.“, äußert Sina. „Das ist deine Leistung, das hast du heute gemacht.“, bestärkt sie der Therapeut. Alle Familienmitglieder sind glücklich miteinander, aber am schönsten ist es für Sina, dass sich die Eltern so gut verstehen.


Sitzung 4 (Registrier-Nr. 412/4)


Thema: Transformation
Die Klientin sieht sich selbst in einem Vogelkäfig eingesperrt. Sie fühlt sich alleine und abgetrennt von der Welt. Auf die Frage, welche Personen oder Situationen zu dem Gefühl des Eingesperrtseins beigetragen haben, taucht wieder die Mutter auf. Die zeigt, dass die Transformation in der letzten Sitzung nur partiell war. Weitere Transformationsarbeit ist notwendig, in deren Verlauf traumatische Erlebnisse der Mutter bearbeitet werden. Sie wurde auf der Flucht missbraucht und litt sehr unter den Hass erfüllten Auseinandersetzungen ihrer Eltern. Am Ende können sich die beiden erlösten Bilder der Muter aus der letzten und aus dieser Sitzung verbinden. Die Klientin macht in ihrer Innenwelt eine Zeitreise nach vorne und erlebt ihre Kindheit und Jugend in den schönsten Farben. Die Tür des Vogelkäfigs ist jetzt offen.


Vorgespräch
Sina berichtet, dass, wenn sie nun an ihre Mutter denkt, sie diese als junge Frau sieht. Die in der vorausgegangenen Sitzung verabschiedete Mutter erscheint nicht mehr. Sina fühlt sich seit Ende der vorigen Sitzung gut.

Qualität des Eingangsraumes und Grundlebensgefühl

Sina sieht einen großen, hellen, ovalen Raum, von dem drei Türen abgehen. Sie wählt die Tür vorne links. Diese Tür trägt keine Aufschrift. Dahinter zeigt sich die freie Natur mit Bäumen und Rasen. Die Vögel zwitschern. Es ist Frühlingsende; alles ist schön grün. Sina fühlt sich wohl, ist dort aber allein. Sina genießt ihren „Raum“. Auf dem Rasen sitzend, denkt sie über sich nach. Es ist noch Schwere in ihr. Sie hat das Empfinden, sich selbst zu blockieren, fühlt sich nicht frei, sondern wie in einem Käfig. Um sie herum ist alles schön.


Verlauf der Sitzung


Im Vogelkäfig

Der Therapeut bittet sie, sich in einem Käfig aufzuhalten. Es ist ein Vogelkäfig, dessen Tür abgeschlossen ist. Sina soll schauen, wer im Besitz des Schlüssels ist. Es erscheint Sinas Mutter, zu der Sina sagt: „Du fütterst mich hier als Vogel. Warum ist abgeschlossen?“ „Du hast funktioniert, Von daher bist du eingeschlossen gewesen.“, äußert der Therapeut. Sina bittet ihre Mutter, den Käfig zu öffnen, doch die entgegnet, Sina mache dann alles dreckig. Dazu äußert Sina: „Jeder Vogel, jeder Mensch macht Dreck.“ Die Mutter meint, es reiche. Sina habe zu essen und zu trinken. Sie könne sich im Vogelbad waschen. Der Therapeut merkt an: „Das heißt minimale Versorgung wie bei einem Tier in der Gefangenschaft. Wieso hat sie für die Tochter nicht mehr vorgesehen?“ „Weil ich unbequem bin.“, antwortet Sina. Sie soll nun die transformierte, schöne Mutter hinzuholen und diese um Hilfe zur Befreiung aus dem Vogelkäfig bitten. Dazu ist die transformierte Mutter bereit. Sie soll mit der „anderen“ Mutter reden, den Schlüssel von ihr fordern. [Es wird erkennbar, dass die in der vorausgegangenen Sitzung 3 geleistete Transformationsarbeit nur partiell war. Momentan hat Sina noch „zwei Mütter.“.

Diese zwei Teilaspekte des Mutterbildes müssen durch Transformationsarbeit zu einem integriert werden. Der Therapeut setzt die „neue“ hilfsbereite Mutter gegen die „alte“, ablehnende Mutter ein.] Die alte Mutter äußert, Sina wäre ihr zu stark. „Ich gehe hier ein.“, bemerkt Sina in Bezug auf ihr Eingesperrtsein. Sie soll schauen, welche realen Ereignisse dazu beigetragen haben, dass Sina symbolisch im Käfig sitzt.

Im Kinderzimmer
Sina konnte in ihrem Zimmer nicht tun und lassen, was sie wollte. Sie soll jetzt dort sein.
Sie ist etwa 15/16 Jahre alt. Die Mutter hat die Regale geleert, damit Sina dort aufräumt. Der Therapeut äußert: „Du musst jetzt intervenieren.“ Alles, was ihr verboten wurde, könne sie jetzt machen, aus Protest, zur Ablösung. Sina veranstaltet eine Party mit netten Freunden. Endlich sind Sinas Freunde anwesend, und nicht die ihres Bruders Jens. [Vergl. dazu S.1, Sitzung 1.] Sina möchte dort Qualitäten wie Freiheit, Fröhlichkeit, Glück, Beschwingtheit wahrnehmen. Die seltene Hilfe des Vaters wird von der Mutter untergraben. „Das lass`ich mir nicht mehr bieten.“, sagt Sina. Der Therapeut bestärkt sie in ihrer Absicht. Die „alte“ Mutter taucht auf. Sie ist wütend. „Ich lass`mir das nicht mehr gefallen von dir. Mach, dass du `raus kommst.“, fordert Sina die Mutter auf. Sina soll sich von der Mutter symbolisch den Schlüssel [zum Vogelkäfig] geben lassen, um in ihrem „Reich“ Hausrecht ausüben zu können. Der Schlüssel zum Zimmer fehlt. Die Mutter händigt ihn aus. „Ich schließe mich jetzt von innen ein. Dann kannst du nichts mehr machen.“, sagt Sina. „Das ist auch dein Recht. Der Käfig hat auch den Vorteil, dass du die Außenwelt ausschließen kannst.“, erläutert der Therapeut. Nachdem die Mutter aufgetaucht ist, sind die vorher glücklichen Freunde traurig geworden. Sina soll nach den Grund der Veränderung fragen. Die Mutter hat die Stimmung zerstört. Die erlöste, „neue“ Mutter soll hinzukommen, um festzustellen, ob ihre Anwesenheit Einfluss auf die gedrückte Stimmung hat. Sie mag junge Menschen und feiert freudig mit. Die Stimmung hebt sich wieder. Sinas Stimmung sei noch davon abhängig, ob die erlöste oder die unerlöste Mutter auftauche, erläutert der Therapeut. Solange die unerlöste Mutter noch in Sina vorhanden sei, wirke sie noch negativ auf Sinas Stimmung und raube ihr Energie. Wenn die Mutter erlöst sei, würde es wieder lebendig. Sina soll der „neuen“ und der „alten“ Mutter die Macht der „alten“ zeigen. Sina empfindet die „neue“ Mutter als Freundin, die „alte“ hingegen als Einengung. Das kann die „alte“ Mutter verstehen, sie blickt in Sinas Zimmer, nimmt die gedrückte Stimmung wahr und nickt zustimmend.

Der Missbrauch der Mutter
„Was hat dazu beigetragen, dass du so geworden bist? Das muss ja Jahre zurück liegen“, möchte Sina wissen. Die Mutter antwortet, sie sei missbraucht worden. Der Therapeut bittet Sina, sich die Situation zeigen zu lassen. Es wäre an der Zeit dazu. Die Mutter weint. Sina soll das Alter der Mutter erfragen. Die Mutter war jung und hübsch, so wie Sina sie jetzt sieht. Es war auf der Flucht von L. nach Westdeutschland. Das empfindet Sina als schrecklich. Niemand wisse davon, nicht einmal ihr Mann.

Die Aussöhnung der Eltern
Die Mutter soll sich ihrem Mann anvertrauen, sich ihm mitteilen. Die Mutter hat jedoch Angst, vom Mann nicht mehr geliebt zu werden. Das müsse sie ihm ebenfalls sagen, äußert der Therapeut, ansonsten würde sie zu der hässlichen Alten, ansonsten vergifte das Geheimnis ihr ganzes Leben. Sie solle Vertrauen haben zu ihrem Mann, dass er sie entweder verließe oder bei ihr bliebe und ihr Leben neu würde. Sina bittet die Mutter, sich ihrem Mann vor der Eheschließung mitzuteilen. Die Mutter zeigt sich einsichtig. Schweren Herzens teilt sie (ihr schreckliches Erlebnis ihrem zukünftigen Mann mit. Der empfindet großes Mitleid mit ihr, kann sich ihr aber nicht nähern, Der Therapeut schlägt Sina vor, als sein Kind mit ihm zu sprechen. Sie teilt ihm die Ängste der Mutter mit und ihren Wunsch, keine Lüge zwischen den Eltern stehen zu lassen. Sina soll dem Vater die Folgen des Verschweigens aufzeigen: seine eigene Unglücklichkeit. Sie bittet den Vater um Hilfe. Er müsse sich entscheiden, sagt sie. Sina ist auch bereit, ihn zu unterstützen. Doch der Vater geht allein auf seine Frau zu, berührt sie, nimmt sie in den Arm. Beide Eltern weinen „schrecklich.“, wie Sina sagt. „Es ist gut jetzt.“, äußert sie.

Der neue, gemeinsame Lebenslauf der Eltern
Der Therapeut bittet Sina, den neuen, geänderten Verlauf des Lebens der Eltern zu betrachten, nachdem das Geheimnis zwischen ihnen gelöst ist. Die Eltern stehen jetzt zueinander, sind miteinander ganz tief verbunden, lassen sich nicht mehr los. „Sie sind wie eine Einheit, sind zusammen ganz stark.“, äußert Sina. [Vergl. dazu die Äußerungen Sinas in Sitzung 1, S.6, Abschnitt „Vaterliebe“.] Die Eltern tragen alles gemeinsam. Sina ist bei ihnen, genießt das Beisammensein.

Die Aussöhnung der Großeltern
Die Mutter fühlt sich jetzt von der Tochter verstanden. Sina weiß nun, weshalb die Mutter so betrübt war. Die Mutter hat keine Angst mehr, dass die Tochter auch Opfer eines Missbrauchs werden könnte (s. Sitzung 2, S. 10, Szene mit dem Nachbarn). Sina kann sich mit allem, was sie beschäftigt, der Mutter anvertrauen. „Die Barriere ist weg. Ich bin ihre Verbündete.“, sagt Sina. Sie ist überzeugt, selbst alles richtig zu machen, so wie sie davon überzeugt ist, dass auch ihre Mutter alles richtig gemacht hat. „Wir sind Freundinnen.“, sagt sie. Sina atmet tief durch. Sina soll schauen, ob die Mutter sie jetzt noch einsperrt. Die Mutter kommt in den Raum hinein, in dem die Jugendlichen sitzen. „Da ist noch `was, was dich bekümmert.“, bemerkt Sina. Die Mutter setzt sich neben die „neue“. Sie werden noch nicht eins. Sina soll sich zeigen lassen, was die Mutter noch blockiert. Die Mutter äußert, ihre Kindheit sei so schlimm gewesen. Sie nimmt Sina mit in eine Situation, in der sie nachts in ihrem Bett liegt und weint. Ihr Vater hat ihr so weh getan. Die Eltern der Mutter haben sich in ihrem Zimmer geschlagen. Sie hatte panische Angst davor. Die Eltern stritten und schlugen sich oft. Danach kam der Vater zu Sinas Mutter und schlug sie ebenfalls. Sina soll schauen, was sie in dieser Situation machen möchte. Sina klingt sehr bedrückt, sie streichelt die Mutter, sagt ihr, dass sie ihr helfen will. Beide gehen zusammen in das Schlafzimmer der Eltern. Sinas Mutter öffnet die Tür, sagt ihren Eltern mit Sinas Unterstützung, dass sie sie mit ihrem Hass umbringen. Stattdessen bringen Sina und ihre Mutter deren Eltern um. Sina schlägt mit dem Schlagstock auf sie ein. Damit haben die Eltern, Sinas Großeltern, nicht gerechnet. Sie schauen völlig erschrocken. Sina schlägt erneut für ihre Mutter. Sinas Großeltern schauen sich endlich an. Sie leben es allen vor, wie man krank wird. Sina schlägt nochmals. Es besteht immer noch eine Barriere zwischen ihnen.

Die Großeltern geben an, sich nicht zu lieben. Das sei unabänderbar. Der Therapeut schlägt vor, dass sie einander wenigstens respektieren. Dazu sind die Großeltern bereit. Sie sollen es sich gegenseitig versprechen. Sie lachen beide. Sina und ihre Mutter kommen hinzu. „Jetzt ist es gut.“, äußert Sina, und weiter: „Es tut uns allen vieren gut.“

Sina soll schauen, wie die Mutter jetzt aufwächst. Die Mutter fühlt sich stark und kräftig, weil sie sich den Eltern gegenüber gewehrt hat. Sina geht mit der Mutter zurück in ihr Zimmer. Sie wirkt nicht mehr bedrückt, sondern frei, gelöst und lebensmutig. „Du kannst deine Gefühle jetzt äußern.“, sagt Sina zur Mutter. Das bejaht diese. Sina fühlt sich in ihrem Zimmer wohl. Sie atmet wiederholt durch. Beide Mütter, die „neue“, hilfsbereite und die „alte“, jetzt erlöste, sitzen nebeneinander, halten sich in den Armen, verstehen sich.

Sinas neuer Lebenslauf
Sina soll durchspielen, ob sie in ihrer Jugend auch Freiheit hat. Sina äußert den Eltern gegen- über, sie möchte gern einen bestimmten Hund haben, den sie so liebt. Der Vater stimmt sofort zu, die Mutter nach einiger Zeit.
Als Sina krank ist, ist der Hund an ihrer Seite. Die Mutter schält im Zimmer ihrer kranken Tochter Kartoffeln, damit Sina nicht so alleine ist. Sie macht ihr Wadenwickel und streichelt sie.
Die Mutter steht hinter ihr, wenn Sina eine schlechte Schulnote bekommt.
Später geht sie liebevoll mit Sinas Kindern um, pflegt auch einen liebevollen Umgang mit der anderen Großmutter Sinas.

Veränderung des Eingangsraumes

Der Therapeut bittet Sina zur Tür ihres Käfigs zu gehen, sich den Käfig anzuschauen. Das Vogelbad vor der Tür fehlt jetzt, dafür steht die Tür ganz weit offen. Das Schloss ist nicht mehr zu sehen. Es ist auch niemand im Käfig. Sinas hat das Gefühl, der Käfig stehe da „nur so zur Zierde“, wie sie sagt. „Vielleicht als Denkmal, als Erinnerung.“, vermutet der Therapeut. Das bejaht Sina. Sina ist wieder auf der Wiese, ihre „Mütter“ sitzen neben ihr.Neu zu leistende Alltagsarbeit

Die beiden „Mütter“ sind sehr eng miteinander verbunden, aber noch nicht ganz eins. Sina soll die beiden fragen, was zu ihrer Verschmelzung noch fehlt. Als Antwort kommt, dass Sina noch glücklich werden und ihren Weg finden müsse. Sina müsse an sich arbeiten, die „Mütter“ bieten dazu ihre Mithilfe an. Sina muss mehr Mut und mehr Selbstvertrauen bekommen, mehr Freude in sich fühlen. Sina möchte wissen, wie sie dazu gelangt (s. dazu Sitzung 5). Der Therapeut erläutert, dass Sina mit der Zeit eine neue innere Mutter bekäme, die auf ihrer Seite wäre. Sie muss all das Neue in ihrem Alltagsleben umsetzen. Die alten Verhaltensmuster sind nicht durch Entscheidungen zu löschen, sondern werden durch neue allmählich überlagert. Der Alltag wird Sina an vielen Stellen neu erscheinen, von ihr neue Entscheidungen erfordern, obwohl die alten Verhaltensmuster noch vorhanden sind. Im Laufe der Zeit wird Sina eigene Sicherheit bei ihren Entscheidungen, in ihrer Lebensführung gewinnen. Sie soll die beiden „Mütter“ fragen, ob die Erläuterungen des Therapeuten zuträfen. Die beiden Mütter stimmen zu, sagen, Sina soll Vertrauen haben in ihre neuen Schritte. „Das ist die Umsetzung der Sitzungen ins Leben.“, äußert der Therapeut.

Sina soll noch einmal alle beteiligten Personen auftauchen lassen und sie fragen, welche Situationen es noch gilt anzuschauen. Sinas Eltern und ihre Großeltern tauchen auf. Sina steht dabei und spricht sie diesbezüglich an. Doch die sind der Meinung, dass es so gut sei.
Gefragt, was sie tun möchte, antwortet Sina, dass sie ganz viel zum Einswerden des Mutterbildes beitragen möchte, doch auch weiß, dass sie dazu noch Übung braucht. Sie kann schon beide „Mütter“ annehmen.


Ausblick auf Sinas zukünftiges Leben

Der Therapeut schlägt Sina eine kleine Zeitreise in ihr zukünftiges Leben vor, um die Auswirkungen ihrer geleisteten Transformationsarbeit zu betrachten.
Sinas Tochter erscheint. Sie ist „immer etwas chaotisch.“, wie Sina sagt. Sie nimmt der Tochter das Enkelkind ab. Sina möchte mit dem Enkelkind spielen, der Tochter zwar zuhören, aber von ihren vielen Forderungen unbehelligt bleiben. Die Tochter lacht. Sina mag die Unruhe, die Hektik, der Tochter nicht. Sie teilt ihr mit, dass sie ginge, falls die Tochter sich so verhielte. Das kann die Tochter akzeptieren.
Unter den Familienmitgliedern findet Kommunikation statt. Sie können einander zuhören. „Es ist sehr schön so.“, äußert Sina.


Sitzung 5 (Registrier-Nr.
412/5)

Thema: der eigene Weg

Die Klientin öffnet eine Tür mit der Aufschrift „Liebe“ und findet sich im Paradies wieder. Alles ist wunderschön und spiegelt ihre geleistete Transformationsarbeit der letzten Sitzungen wider. Dann aber bemerkt sie, dass sie immer noch innerlich gelähmt ist. Sie fühlt sich angebunden und nicht in der Lage, ihren Weg jetzt auch im Außen zu gehen. Am schwierigsten scheint die Löslösung von ihrem Mann zu sein. Sie hat Angst, neue Schritte zu gehen, Angst vor Veränderung. Am Ende findet sie dann aber doch die Kraft, sich dem Neuen zu zuwenden. Ihr wird klar, dass sie sich ihr Paradies alleine schaffen muss, mit ihrer eigenen Kraft, in der Liebe zu sich selbst.

Vorspann
Sina läuft eine lange, nicht enden wollende Treppe in heller Umgebung hinunter. Sie hat den Eindruck, der Himmel sei über ihr sichtbar. Während sie hinunter läuft, singt sie. Sie fühlt sich wohl und fröhlich, möchte jedoch wissen, weshalb weiter nichts kommt. Der Therapeut schlägt Sina vor, im Zeitraffer hinunterzugehen und zu schauen, was sich am Ende der Treppe zeigt. Ihr gutes Grundgefühl verdeutliche die in den voraus gegangenen Sitzungen geleistete Arbeit. Es sei auch möglich, dass sich tief unten noch etwas zeige.
Sina ist am Ende der Treppe angelangt, die zu einer einzelnen, sehr großen Tür führt.

Qualität des Eingangsraumes und Grundlebensgefühl

Die Tür hat keine Aufschrift. Sina schreibt „Liebe“ darauf. In hellen Pastelltönen zeigt sich ihr ein Ort, der ihr wie das Paradies vorkommt. Ein Summen wird vernehmbar. Sina spürt eine Leichtigkeit wie die eines zartgelben Schmetterlings, der sowohl Beine als auch Flügel hat. Sie ist dort jedoch alleine, flattert, mit den Füßen am Boden verhaftet, hin und her.

Botschaft des Eingangsraumes
Sina soll den Raum nach seiner Botschaft fragen. Er vermittelt ihr ein Gefühl der Freiheit und Zwanglosigkeit. Er will ihr diese Gefühlsqualität zeigen. Es ist Sina jedoch zu wenig. Der Raum fragt, was sie denn dort überhaupt wolle. „Da wartet ein Paradies auf dich, und das reicht dir nicht. Was willst du?“, fragt sie der Therapeut. „Ich will`s nicht annehmen.“, antwortet Sina. „Du bist so unwirklich.“, äußert sie dem Raum gegenüber. Sie traut der Botschaft nicht. Der Therapeut äußert, dass Sina das Schöne nicht mehr genießen könne, weil sie so schlimme Erfahrungen gemacht habe. Sina stimmt zu. Der Therapeut äußert weiter: „Vielleicht ist diese Dimension erst langsam für dich erreichbar. Sie ist so selbstverständlich, dass es dir immer noch schwer fällt, sie als selbstverständlich wahrzunehmen. Und du sollst sie schon mal kennen lernen, sie fühlen, wahrnehmen, dass es sie gibt. Du hast dich so danach gesehnt.“ Nach all dem Heftigen, mit dem sie sich in den Sitzungen konfrontiert hat, kann Sina das „Paradiesische“ nicht annehmen.


Verlauf der Sitzung


Hemmnisse, den eigenen Weg zu finden

Sinas Angst vor dem Neuen
„Ich suche meinen Weg, der mich glücklich und zufrieden macht, den ich noch nicht gefunden habe und der für mich so wichtig ist“; sagt Sina. Das sei auch das Merkmal des „Flattermanns“, dass er [ziellos] umher getrieben wird und kein Land sieht, äußert sie weiter. Sina soll schauen, wohin sie gerät. Sie hat Angst, den eigenen Weg zu finden, spürt, dass sie noch nach jemandem sucht, der ihn ihr weist. Es ist ihr jedoch auch klar, dass sie diese Hilfe nicht mehr möchte.

Sina soll versuchen, eine Gestalt auftauchen zu lassen, die sie führt oder evtl. auch nicht führt. Dazu fällt ihr nur ihr Gefühl ein. Sie fühlt sich wie auf der Stelle tretend, fühlt sich verzweifelt, weil sie auf der Suche nach ihrem Weg nicht weiß, wo sie anfangen soll.

Der Therapeut bittet sie, sich selbst von außen anzuschauen und sich anzusprechen. „Du flatterst hier nur so `rum,“ sagt Sina zu sich, und weiter: „Musst `mal einen Weg einschlagen.“ Die Antwort lautet, sie würde schon wieder festgehalten. Der Therapeut möchte wissen, von wem. Sina ist angeleint, der Strick untrennbar an einem im Boden einzementierten Haken befestigt. Da es ein Seil ist, könne sie es durchschneiden, äußert Sina. Der Therapeut fragt, ob sie es wolle. Da ist sich Sina nicht sicher. „Genau das wird vielleicht dadurch sichtbar.“, bemerkt der Therapeut, und weiter: „Vielleicht hast du durch die lange Leine nicht gemerkt, dass du gefangen warst. Vielleicht ist es ein momentaner Zwischenzustand. Vielleicht musst du ganz tief die Entscheidung fällen, das Seil wie eine Nabelschnur zu kappen.“ „Das müsste ich tun, damit ich weiterkomme, aber es ist bestimmt auch ein bisschen gefährlich.“, wird es Sina klar. „Deinen Weg finden ist bestimmt gefährlicher als nicht deinen Weg finden.“, entgegnet der Therapeut. „Hier weiß ich, wie es ist. Ich will mich befreien.“, äußert sie. „Schau, ob es möglicht ist, wenn du die Entscheidung getroffen hast.“, schlägt der Therapeut vor. „Wie will ein Schmetterling sich da befreien. Er bräuchte Hilfe. Er hat nicht viel Kraft“ stellt Sina fest. Der Schmetterling wird durch das Flügelschlagen immer schwächer. „Ich soll dir helfen, aber ich steh`hier wie angebunden.“, äußert sie.

Sina bittet ihre Engel um Mithilfe, doch die fliegen fort, haben Wichtigeres zu tun. „Es geht um ein Leben.“, bittet sie erneut, doch die Engel lehnen ab. Der Therapeut fragt: „Spür `mal, wie reagierst du normalerweise auf auswegslose Situationen?“ Sina antwortet: „Mir fällt nichts ein, wenn`s drauf ankommt.“ Der Therapeut möchte wissen, ob es das ist, wovor Sina ganz tief Angst hat. Das bejaht sie, sie käme nicht vom Fleck. „Das bekommst du jetzt hier gezeigt.“, erläutert der Therapeut. Sina wird ungehalten und äußert: „Es ist wie eine Lähmung.“
Sie soll sich zeigen lassen, wo diese Lähmung entstanden ist. Die Lähmung sei die Angst vor dem Neuen, sagt Sina. „Das kann gut sein. Das heißt, die Angst muss zurückhalten. Lass die Angst auftauchen und frag`sie.“, bittet der Therapeut.

Die Angst lacht höhnisch, freut sich. „Mit dir werd`ich fertig, aber du bist es nicht allein.“, stellt Sina fest.


Die Angst ihres Mannes vor Veränderung

Sinas Ehemann Ralf taucht auf. Er wirkt zwar lieb, sagt aber, dass er auch Angst habe, dass Sina sich zu sehr verändern könnte, was Auswirkungen auf ihre Beziehung haben könnte. Er fürchtet auch den Mangel an Unterstützung durch Sina und hemmt sie dadurch. Sina bittet ihn, sie zu begleiten auf ihrem Weg, so wie sie ihn auf seinem begleitet hat. Dazu ist er bereit, doch die Angst weicht nicht. Sina soll die Angst fragen, durch welche Ereignisse sie genährt wurde. Die Angst antwortet, dass Sinas Ehemann von ihr anhängig sei. Da er allein zuhause nicht zurechtkäme, müsse Sina bleiben, wo sie ist.

„Aber dann geh`ich ein.“, wird es Sina klar. Das ist nicht mehr ihr Leben. Der Ehemann tut ihr zwar leid, doch er hält sie fest, indem er Angst vor der Übernahme von Verantwortung zeigt.
„Die Verantwortung trag`ich. Sie lässt mich kaum mehr atmen.“, äußert Sina. Ihr Körper ist ganz steif, wie sie sagt. Sie weiß, dass ihr Mann sie braucht, weiß aber keine Lösung. „Ich will hier`raus. Ich schwitz`auch so.“, äußert Sina, und weiter: „Es ist niemand da, der hilft.“ Der Therapeut sagt dazu: „Das ist wahrscheinlich genau der Punkt, um den es geht. Vielleicht war das auch der Einstieg: die schöne, neue Welt zu zeigen mit dem Risiko, dass sich alles ändert. Diese Entscheidung musst du allein fällen.“

Sinas Verstrickung
Sina fühlt sich schlecht. „Ich weiß nicht, wie es geht.“, äußert sie. „Vielleicht ist es genau das.“, bemerkt der Therapeut, „denn , wenn es neu ist, weißt du nie wie`s geht.“ Doch Sina traut sich nicht. Genau das sei es, deshalb hülfen auch die Engel nicht. Sie müsse es selber machen, erläutert der Therapeut. Sina wird es klar: „Es ist meins ganz allein.“ Das Bild ändert sich: ihr Mann steht jetzt statt vor ihr, hinter ihr, um ihr den Weg nicht zu verbauen. Sina fühlt sich wie die „Spinne im eigenen Netz.“, wie sie sagt. „Vielleicht sind das alles nur Geburtswehen, um die Dramatik aufzuzeigen. Sina fällt der Schamane ein, doch der möchte ihr auch nicht helfen. Sina meint, dass alle gegen sie seinen. Der Therapeut entgegnet, dass wahrscheinlich alle für Sina seien und ihr deshalb nicht hülfen. Der Schamane sagt, Sina blockiere sich selbst. Weitere Antwort bleibt aus. Sina ist der Zerzweiflung nahe. Das sei vielleicht ein Indiz für ihren eigenen Weg, das sie keine Anweisungen bekäme, äußert der Therapeut. Vielleicht müsse sie einfach nur loslaufen. Sina weiß aber nicht, wohin. Der eigene Weg beginne mit dem ersten Schritt, die nächsten ergäben sich unterwegs, bemerkt der Therapeut dazu. Solange sie frage „Wohin?“, erwarte sie eine Antwort aus dem Außen. Der Therapeut bittet sie, einen Schritt zu machen. Sina kann ihre Füße und Beine nicht wahrnehmen. „Ich will hier `raus.“, äußert sie erneut. Sie klingt ungehalten. Sie müsse als erstes den Schmetterling befreien. „Ich verrecke hier.“, sagt Sina unter körperlichen Schmerzen, nimmt ihre selbst geschaffene Blockade wahr. Vielleicht sei das das Lehrbeispiel, äußert der Therapeut. Sina soll sich durch die während der Sitzung gewonnene Erfahrung weiterbringen lassen: ich kann es ganz alleine und ich muss mich trauen. Sina geht zurück in die Zeit, als sie selbständig alleine lebte, als sie sich noch traute. Da sei sie noch an dem Punkt gewesen, an dem sie ohne fremde Beratung ihren Weg gehen konnte, bemerkt der Therapeut. Vielleicht müsse sie dort wieder anknüpfen. Sina muss zurück in das Grundgefühl der Unabhängigkeit.

Sinas Befreiung
Die Sina von damals mit dieser noch vorhandenen Qualität wird hinzugeholt und um Hilfe bei der Befreiung des Schmetterlings gebeten. Sie sagt, es sei gar nicht so schwer, Sina müsse nur wieder an sich glauben. Der Schmetterling ist schwach geworden, weil er nicht an sich glaubte. Sina muss sich an diese Qualität zurückerinnern. Das hätte sie nie herausgefunden, wenn sie Hilfe von außen bekommen hätte, äußert der Therapeut. Sina fühlt sich befreiter, der Schmetterling, der im Seil verstrickt war, fliegt wieder, liefert den Beweis, dass die Qualität des An-sich-glaubens gefehlt hat. Sina nimmt sich jetzt anders wahr: als viel jünger. Sina folgt dem fortfliegenden Schmetterling. Sinas Vater kommt, nimmt kurz ihre Hand und lässt Sina an ihm vorbeigehen, möchte nicht, dass sie ihn etwas fragt. Das sei ein schönes Gefühl, nicht zurückgehalten zu werden, äußert Sina. Sie fühlt sich frei und entspannt. Sie kann jetzt Schritte machen und sich mit sich selbst und ihrer Umgebung wohl fühlen. Der Therapeut erläutert, Sina bekomme keine Bestätigung von außen, weil sie auf dem eigenen Weg sei. Wie beim Laufenlernen gewinne sie durch das Gehen an Sicherheit. Dass sei schwer, laute die Botschaft. Die könne nicht über den Intellekt erkannt werden, sondern nur über das Gefühl erfahren werden. Deshalb habe Sina in dieser Sitzung so viel gefühlt. Sina sieht den Vater und den Ehemann hinter sich, sie fühlt sich stark und kraftvoll und sagt: „Ich muss einfach nur laufen im Vertrauen auf mich selbst.“

Veränderungen des Eingangsraumes
Sina soll zurückgehen in den Raum, auf dessen Tür sie das Wort „Liebe“ geschrieben hat. Sie sieht den eigenen Garten zuhause, in dem sie mit einem Lehrbuch in der Hand im Liegestuhl sitzt. Sie ist dort allein und ungestört. Es geht ihr gut. Sie soll spüren, welche Bedeutung das Wort „Liebe“ in diesem Zusammenhang hat. Die Tür sei die gleiche, der Inhalt ein anderer, äußert der Therapeut. Es gehe um sie selbst, äußert Sina. Es sei nicht der Paradiesgarten, sondern ihr eigener, selbst geschaffener Garten, ihr eigenes Paradies. „Das Paradies muss ich mir alleine schaffen, mit meiner eigenen Kraft, in der Liebe zu mir selbst. Das ist mein Weg. Das ist meine Botschaft.“, wird es Sina klar. Der Therapeut weist sich darauf hin, dass sie ihren Weg bereits gefunden habe. Sina soll schauen, wie ihre Engel sich verhalten. Die Engel musizieren zustimmend. Der Schamane ist froh, dass Sina ihren Weg allein gefunden habe. Das sei ihr Geschenk von ihm, sagt sie.

Therapieverlauf im Überblick

Vorinformation
Die fünf vorausgegangen Sitzungen geben in ihrer zeitlichen Abfolge die von der Klientin geleistete Transformationsarbeit wieder, anders ausgedrückt, offenbaren sie den Verlauf ihrer Therapie. Transformationsarbeit und Therapie gehen miteinander einher. So bilden die fünf aufeinander folgenden Sitzungen eine Themen bezogene Einheit, eine Sequenz.

Methodisch wählt der Therapeut dabei eine gelungene Synthese aus synergetischer Profilingarbeit und synergetischer Prozessarbeit, d.h., er deckt im Verlauf der Sitzungen nacheinander die Krankheits verursachenden Faktoren auf und lässt sie unmittelbar nach ihrem jeweiligen Erscheinen von der Klientin bearbeiten, transformieren. In jeder einzelnen dieser fünf Sitzungen wird also beides geleistet: Aufdeckungsarbeit und Transformationsarbeit.

Es sei darauf hingewiesen, wie gering die Anstöße, Erläuterungen des Therapeuten sind (sowohl von der Menge her als auch von der Intensität), um der Klientin die nötige Hilfestellung zu geben auf ihrer eigenen Innenweltreise, deren „Kapitän“ sie ja selbst ist. Die Rolle des Therapeuten ist allenfalls die des assistierenden „Steuermanns“, der bereits vorhandene Strömungen, Richtungen erkennt, und so verhindert, dass die Klientin vom eigenen „Kurs abkommt“.

Es ist aber noch eine weitere „Methode“ erkennbar, nämlich die, die dem inhaltlichen Verlauf der Sitzungssequenz innewohnt: das „Wie“ und das „Wann“ der Themen stehen im engen Zusammenhang mit dem „Was“, mit deren Inhalt. D.h., Methode und Inhalt korrespondieren.
Um die Methode des Sitzungsablaufs zu verdeutlichen, werden als erstes die vom Editor kommentierten Inhalte in Kurzform wiedergegeben.. Danach äußert sich der Editor zum Verlauf der Transformationsarbeit. Die Krankheits verursachenden bzw. -auslösenden Faktoren werden zur besseren Übersicht in einer Tabelle aufgelistet, wobei vom Editor der Versuch unternommen wird, sie nach ihrer Gewichtung zu beurteilen. Die Eingangsräume zu den jeweils gewählten Themen der Sitzungen liefern zum einen ein deutliches Bild vom „Stand“ der Klientin innerhalb des Therapieverlaufs, zum andern geben sie Aufschluss über die geleistete Transformationsarbeit innerhalb einer Sitzung bzw. innerhalb der gesamten Sequenz.


Die Sequenz der fünf Sitzungen in Kurzform

Sitzung 1 Thema: Opa und Vater
Sina setzt sich in dieser Sitzung mit ihrem Bruder Jens, mit ihren Eltern und hauptsächlich mit ihrem Großvater auseinander, dem Vater ihres Vaters. Sie fühlt sich von den Eltern ihrem älteren Bruder gegenüber zurückgesetzt, in ihren Bedürfnissen nicht respektiert und in ihrer Eigenheit nicht angenommen, letztlich nicht wirklich geliebt.

Der Vater ist von beiden Eltern derjenige, zu dem Sina den besseren Zugang hat, und der auch seinerseits mehr Bereitschaft zeigt, die Tochter zu verstehen.
Da die Mutter im Vergleich zum Vater einen weitaus größeren „Störfaktor“ in Sinas Leben darstellt, wie sich im Verlauf der Sitzungssequenz noch deutlich zeigen wird, fällt die von Sina zu leistenden Transformationsarbeit zur Veränderung des Mutterbildes entsprechend größer und schwerer aus als die bezüglich des Vaters.

So beginnt Sina, unbewusst von ihrer inneren Weisheit geleitet, als erstes mit der Bearbeitung und der Veränderung des Vaterbildes. Ihr Weg führt sozusagen „vom Leichten zum Schweren.“.
Der Vater zeigt Betroffenheit bezüglich des spartanischen Kelleraums, der Sinas Raum der Liebe symbolisiert. Die Mutter bleibt davon unbeeindruckt. Mit den Worten „Es ging nicht anders.“ verdeutlicht der Vater, dass er zwar hätte anders handeln wollen, doch dazu nicht in der Lage war.

Es stellt sich heraus, dass die blockierte Liebesfähigkeit des Vaters ihren Ursprung im Verhalten seines Vaters, Sinas Großvaters, hat. Sinas Vater wurde von seinem Vater nicht angenommen, war deshalb unfähig, seine Tochter anzunehmen.

Erst als der Großvater sich bei seinem Sohn für seine Missetaten entschuldigt, ist den Bann gebrochen, die Blockade gelöst: der Vater wird seiner Tochter gegenüber liebesfähig, schenkt ihr die lebenslang entbehrte Achtung und Beachtung. Sina fühlt sich mit ihm verbunden, „wie eine Einheit“, wie sie es ausdrückt.


Sitzung 2 Thema: Der Tod
Die Aufschrift der Tür zu Sinas Eingangsraum lautet „Heilung“, doch es zeigt sich hinter der Tür ein „Raum“, der nur aus Dunkelblau besteht. Sina weiß damit nichts anzufangen, fühlt sich hilflos.
Der Therapeut schickt der hilflosen Sina einen Boten zur Assistenz.

Es sei vorweggenommen, dass dieser Bote sich im Verlauf der Sitzung als Wegweiser, Kompagnion und Helfer zu Sinas Heilung erweisen wird. Er wird aber nach der diesbezüglich abgeschlossenen Transfomationsarbeit nicht mehr auftauchen. Auch Innere Helfer (Schamane, Engel) werden dann ihre Mitarbeit verweigern, wenn es darum geht, dass Sina ihren eigenen Weg findet. Das kann nur sie allein.

Diesem Boten kann Sina anfänglich nicht vertrauen und will ihm deshalb auch nicht folgen. Der Bote bezweifelt Sinas Willen, gesund zu werden. Er verkörpert damit den Teil in ihr, der nicht an Heilung glaubt bzw. sie ablehnt. Sina kann sich nicht vorstellen, dass der Bote in seiner abstoßenden Hässlichkeit ihr bei ihrer Heilung behilflich sein kann. Nachdem sie sich entschieden hat, sich zum Nutzen ihrer Heilung mit dem „Hässlichen“ zu konfrontieren, ist sie bereit, dem Boten zu folgen. Nach einem langen Weg, der tief hinunter führt, gelangen sie zu einem übel riechenden Loch, von dem aus Sina keinen Ausweg mehr sieht. Gefragt, was der Bote ihr zeigen will, wird ihr klar, dass er sich zeigen soll. Auch hier wird sie wieder in die Pflicht genommen, selbst zu entscheiden, zu handeln: sie muss ihm die Kapuze wegnehmen, wenn sie gesund werden will. Unter der Kapuze verbirgt sich der Tod. Er ist das Tote in ihr, das sie abgespalten hat, und das zu ihrer Heilung wieder integriert werden muss. Nachdem Sina mit dem Tod in Berührung durch Anfassen gegangen ist, sich also mit dem Toten in ihr größtmöglich konfrontiert hat, es als vorhanden akzeptiert hat, zeigen sich ihr nacheinander die Personen und Ereignisse, die dazu beigetragen haben, dass Sina „ein bisschen gestorben“ ist: ihr Bruder Jens und sein Selbstmord, der Nachbar, der Sina durch seinen Übergriff zumindest seelisch missbraucht hat, und Sinas Mutter, die ihre Tochter, anscheinend um Versäumtes wieder gut zu machen, unterstützt in der Situation des Übergriffs durch den Nachbarn. Der Bruder bittet seine Schwester für das durch seinen Selbstmord hervorgerufene Grauen um Entschuldigung. Das Bild vom Nachbarn wird von Sina mit dem Schlagstock bearbeitet, sodass der Missbraucher zum Reuigen transformiert.

Damit das Bild vom Tod sich auflöst, das Tote integriert wird, braucht der Tod, braucht Sina all das, was ihr als Kind von der Mutter versagt blieb: Liebe und Geborgenheit. Das große Thema „Mutter“ wird in einer weiteren Sitzung, der folgenden, zu bearbeiten sein. Wie tief greifend die Kränkungen Sinas diesbezüglich sind, zeigt sich im Verhaltens des Inneren Kindes, der kleinen Sina, die sich Hilfe suchend an die große, erwachsene Sina klammert und nach der Großmutter Ausschau hält, weil sie zur eigenen Mutter kein Vertrauen hat.


Sitzung 3 Thema: Die Mutter
Sina trifft ihre alte Mutter zu Beginn der Sitzung in einem Raum, auf dessen Tür das Wort „Mutti“ steht. Die Mutter fühlt sich schlecht und Sina wiederum fühlt sich verpflichtet zu helfen. Die Mutter hat das Leben immer abgelehnt. Das hat sich auf Sina übertragen. Dieses „Nein“ der Mutter zum Leben ist auch an der Entstehung des Brustkrebs ihre Tochter beteiligt. Sina muss sich mit der Mutter auseinandersetzen, sich ihr entgegenstellen, was sie bis zu diesem Zeitpunkt nicht wagte. Die Mutter hat schon früh die Stärke der Tochter erkannt und ihre eigene Schwäche gegen sie ausgespielt, ihre Schwäche als Waffe instrumentalisiert, um die Tochter in die vermeintliche Pflicht zu nehmen. Die Mutter hat sich damit als die stärkere von beiden erwiesen. Die Gegenwehr der Tochter blieb aus, Sinas schlechtes Gewissen tat diesbezüglich auch seine Dienste. Sinas Aggression, die im Außen nicht wirken konnte, richtete sich nach innen. „Das zerfrisst mich. Ich will dich nicht mehr in mir haben“, mit diesen Worten richtet sich Sina an die Mutter und spricht sie, ohne sich dessen bewusst zu sein, von ihrem Krebs, zu ihrem Krebs. Deutlicher kann der Zusammenhang zwischen beiden nicht ausgedrückt werden: Mutterbild und Krebs sind in diesem Fall eins, haben die gleiche zerstörerische Wirkung. Doch sie bedingen sich nicht gegenseitig. Die Bedingung ist einseitig, geht eindeutig von der Mutter aus: sie ist (Mit-)Verursacher des Krebs. Vorausgesetzt, die Ursache, das entsprechende Mutterbild, wäre beseitigt, versiegte auch damit die Quelle, aus der der Krebs gespeist wird.

„Ich musste dich ständig heben und bin dabei gesunken“, sagt Sina zur Mutter. Dieser aussagekräftige Satz zeigt das Missverhältnis in der Wahrnehmung Sinas zwischen den Bedürfnissen der Mutter und den eigenen. Die Aufgabe, die Bedürfnisse der Mutter nach Hilfe, Gesellschaft, Aufheiterung und Unterstützung zu befriedigen, hat Sina zur Selbstaufgabe gezwungen. Die Bedürfnisse von Mutter und Tochter waren kontrovers. Sina musste sich in eine Richtung festlegen, es war die der Mutter. Das Ringen nach deren Liebe bleibt trotz allem erfolglos.

Seit einem halben Jahrhundert bestehen diese Muster, wirken sie. Sie aufzulösen ist eine enorme Leistung. Sina braucht in der Sitzung entsprechend lang, um den negativen Einfluss der Mutter auf die gesamte Familie in seiner ganzen Tragweite wahrzunehmen: Bruder und Vater mussten bereits sterben, Sina selbst ist schwerkrank. „In jedem von und bist du `drin. Du bist kein Mensch“, wirft Sina der Mutter vor. In Anwesenheit der Herkunftsfamilie und der heutigen und mit der Unterstützung beider, der Familienenergie, ist Sina endlich fähig, der „Tyrannei“, wie sie sagt, ein Ende zu setzen, das alte Mutterbild mit dem Dhyando zu zerstören.

Die „neue“, transformierte Mutter ist jung, hübsch und freundlich mit einer liebevollen Ausstrahlung. Zu ihrer Transformation, ihrer Erlösung, war die Gegenwehr der gesamten Familie erforderlich. Die Mutter fühlt sich jetzt frei. So kann Sina sie in der Gewissheit ihrer Mutterliebe annehmen, so kann die Mutter in der Gewissheit der Liebe ihres Mannes ihr Kind annehmen. Die „Neugeburt“ der Mutter lässt auch Sina wie „neugeboren“ werden. Sinas Leben(-slauf) wird von ihrer inneren Weisheit neu geschrieben, symbolisiert durch ihre nochmalige Geburt. So tief greifend und weit reichend ist die geleistete Transformationsarbeit
bereits.


Sitzung 4 Thema: Die Transformation
Sina fühlt sich, umgeben von freier Natur, wie in einen Käfig gesperrt. Das bedeutet, die Freiheit und das Leben (freie Natur) werden bereits wahrgenommen, doch eine Blockade (Käfig) verhindert, dass sie für Sina wirklich erreichbar sind. Es ist die Mutter, die im Besitz des Schlüssels ist und der Tochter verbietet herauszukommen, und damit bekundet, dass ihr negativer Einfluss noch vorhanden ist und auf Sina wirkt, das Mutterbild bislang nur in einem, wenn auch großen, Teilaspekt bearbeitet worden ist. So hat Sina in diesem Übergangsstadium zwei „Mütter“: die neue, hilfsbereite und die alte, ablehnende. Nach der endgültigen abschließenden Bearbeitung des Mutterbildes wird nur eine Mutter, die neue mit den positiven Eigenschaften, übrig bleiben. Noch äußert Sina „Ich gehe hier ein.“ und zeigt damit, wie lebenswichtig der Schritt in die Befreiung für sie ist. Insofern bereitet diese Sitzung den Boden für die nächste, in der Sina mit den Folgen der Freiheit konfrontiert wird.

Sina durchlebt reale Szenen, in denen die Mutter sie in ihrer persönlichen Freiheit beschneidet, sie einengt und ihre Grenzen überschreitet. Als sie der alten Mutter verdeutlicht, wie deren Verhalten sich negativ auf Sinas Stimmung auswirkt, zeigt sich die Mutter verständnisvoll. Sie gibt jetzt bereitwillig Auskunft, dass ihr stimmungs drückendes Verhalten von einem auf der Flucht erlittenen sexuellen Missbrauch herrührt. Die Mutter hat sich seit damals niemandem mitgeteilt, auch ihrem Mann nicht aus Angst vor dem Verlust seiner Liebe. Damit hat sie das Gegenteil von dem bewirkt, was sie erreichen wollte: das von ihr gehütete Geheimnis steht als Barriere zwischen ihr und ihrem Mann, verhindert Nähe und Liebe, auch die zu den eigenen Kindern. Die Preisgabe des Geheimnisses, die Lösung des Rätsels, ist ein weiterer Schritt zur Erlösung der Mutter und damit der gesamten Familie. Eine letzte Barriere muss noch beseitigt werden: der prügelnde Vater der Mutter, Sinas Großvater, und der Hass der Großeltern drohen Sinas Mutter umzubringen. Stattdessen bringen Sina und ihre Mutter, mit dem Schlagstock schlagend, die Großeltern zur Einsicht, sich wenigstens zu respektieren. Damit ist das Mutterbild quasi transformiert, die Mutter erlöst. Die restliche, noch zu leistende Transformationsarbeit, um aus den zwei „Müttern“ gänzlich eine zu machen, bleibt dem realen Alltag(-sleben) Sinas überlassen, das durch die in den Sitzungen erfahrene Auflösung der Muster auch Änderungen der Verhaltensmuster mit sich bringen wird.


Sitzung 5 Thema: Der eigenen Weg
Sina wird in ihrer Innenwelt mit paradiesischen Zuständen konfrontiert , die sie nicht annehmen kann und will, weil sie ihnen nicht traut, der neu gewonnenen schönen Innenwelt (noch) nicht vertraut. Sie ist auf der Suche nach ihrem eigenen Weg, der sie glücklich und zufrieden macht, wagt aber (noch) nicht, sich den eigenen Strömungen, dem Strom des Lebens anzuvertrauen, sich davon treiben zu lassen mit allen daraus resultierenden Konsequenzen. Sie spürt, dass sie einerseits noch auf der Suche nach etwas oder jemandem ist, das/der ihr den Weg weist, andererseits ist ihr bewusst, dass sie den Weg ohne Hilfe von außen beschreiten muss, wenn es ihr eigener sein soll.

Den eigenen Weg zu gehen, würde bedeuten, die neu gewonnene Freiheit in ihrem gesamten Ausmaß wahrzunehmen und ohne Einschränkungen anzunehmen, sich darin neu zu orientieren, neue Ankerpunkte zu setzen, die alten evtl. zu lösen, um den eigenen Kurs einzuschlagen. Diese Freiheit ist immer auch Entscheidungsfreiheit, verlangt als Voraussetzung die Eigenverantwortlichkeit im Handeln und als Folge, den Mut sich festzulegen. So nimmt Sina diese Freiheit sowohl als Verlockung als auch als Bürde wahr.

Letztlich spricht sie damit eine zutiefst philosophische Frage an, nämlich die, ob der sogenannte freie Wille den zu gehenden Weg festlegt, oder ob es nicht andere, tiefer liegende Beweggründe sind, die den (Lebens-)Weg bestimmen, evtl. auch Einflüsse, die uns ,wie auch immer, von „außen“ zugetragen werden und auf uns wirken.

Wie weit, besser gesagt: wie kurz, der Einfluss des freien Willen auf unsere Entscheidungen reicht, zeigen neuere Untersuchungen auf dem Gebiet der Hirnforschung, wonach der Wille zu einer Entscheidung erst nach der Entscheidung, der Handlung, bekundet wird, quasi die bereits erfolgte Handlung im Nachhinein rechtfertigt. Mit anderen Worten: wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun.

Die Angst vor dem Neuen, dem Unbekannten lähmt sie, hält sie zurück, steht dem Wunsch nach der Freiheit des eigenen Weges entgegen.
Das Bild vom Schmetterling, das Sina wählt, symbolisiert die zarte, neu gewonnene Freiheit, die durch Orientierungslosigkeit und im Gefesseltsein droht, ihre Kraft einzubüßen. So äußert sie zur Orientierungslosigkeit: „Das sind ja die Merkmale des Flattermanns, dass er umher getrieben wird und kein Land sieht.“, zum Gefesseltsein: „Wie will ein Schmetterling sich da befreien?“ und zur Krafteinbuße: „Der Schmetterling wird immer schwächer.“

Es sei noch darauf hingewiesen, dass in der fernöstlichen Feng Shui- Lehre der Schmetterling ein Feuertier darstellt, weil er im Laufe seiner Entwicklung einen Transformationsprozess durchläuft und das Element Feuer als transformierende Kraft gilt. Am Ende der biologischen Metamorphose, der durchlaufenen Transformation, steht das fertige Insekt. Nach der in Sitzung 4 von Sina geleisteten Transformationsarbeit erscheint zu Beginn der Sitzung 5 der Schmetterling! Dass er bereits frei ist, weil er den Kokon verlassen hat, wird ihr erst später klar.

Sina äußert weiter, als sie auf der Suche nach ihrem Weg die Mithilfe der Engel erbittet: „Es geht um ein Leben“. Sie bezieht sich dabei auf den immer schwächer werdenden Schmetterling, spricht aber letztlich von sich: es geht um ihr Leben, und sie zeigt damit die (Lebens-)Wichtigkeit, den eigenen Weg zu finden und zu gehen.

Sina sieht sich, wie sie sagt, in einer „auswegslosen Situation“. Der dazu geäußerte Satz „Mir fällt nichts ein, wenn`s drauf ankommt.“ ist ein Mustersatz, der noch aus der Zeit vor der geleisteten Transformationsarbeit hinüberwirkt, noch nicht aufgelöst ist und Sinas Handlungsunfähigkeit ausdrückt. Dieses Muster „Handlungsunfähigkeit in entscheidenden, in zu entscheidenden Situationen“ steht dem neu erwachten Wunsch nach Entscheidungsfreiheit, den eigenen Weg zu gehen, entgegen, droht ihn zu ersticken.

Doch nicht nur die Angst vor dem Neuen hält sie zurück, sondern auch die eheliche Bindung und der Einfluss ihrer Selbständigkeit auf diese Beziehung stellen für Sina eine Hürde dar. Ebenso die Unfähigkeit des Ehemanns, allein zuhause zurecht zu kommen..
Sina fühlt sich wie „die Spinne im eigenen Netz“, wie sie sagt. Damit verdeutlicht sie, dass sie es ist, die sich fesselt, sich verstrickt in das eigene Gespinst. Und dass folglich nur sie es sein kann, die diese Fesseln löst. Sie sagt wörtlich: „Da es ein Seil ist, könnte ich es durchschneiden.“ Der Therapeut fragt sie: „Willst du es?“ Noch ist sie nicht bereit dazu.
Sinas Mann hat Angst vor der Übernahme von Verantwortung. „Die Verantwortung trag`ich. Sie lässt mich kaum mehr atmen“, sagt Sina, und weiter:„Ich will hier `raus. Ich schwitz` auch so“. Ihr Körper ist steif.

Die körperlichen Symptome sind Anzeichen für die Bedrängnis, in die Sina gerät: nicht nur die eigene Angst vor dem Neuen, sondern auch die ihres Mannes vor Veränderung und Verantwortung lasten auf Sina, dass sie kaum mehr atmen kann, bewegungsunfähig wird, ins Schwitzen gerät. Als es für sie unerträglich wird, will sie sich befreien und beantwortet damit die weiter oben gestellte Frage des Therapeuten.

Schließlich wird es Sina klar, was es für sie bedeutet, den eigenen Weg zu gehen: den ersten Schritt zu machen, auf den weitere folgen, den Kurs nicht im voraus festzulegen, sondern ihn sich mit dem Gehen entwickeln zu lassen und dabei auf das eigene Gespür für die Richtigkeit der eingeschlagenen Richtung zu vertrauen. „Ich muss einfach nur laufen im Vertrauen auf mich selbst.“, äußert sie. Sie folgt mit ihren Schritten dem flatternden Schmetterling. Dieser Schmetterling tauchte zu Beginn der Sitzung in Sinas Raum der Liebe auf . Symbolisch wies er ihr den Weg durch die Sitzung, symbolisch weist er ihr „von oben“ den Weg durch ihr Leben, als Teil von ihr, nicht als Fremdeinfluss.

Der Verlauf der Transformationsarbeit mit den kranheits verursachenden Faktoren
Vorab sei bemerkt, dass die Themenfolge in den Sitzungen nicht wahllos geschieht, sondern streng logisch aufgebaut ist. Sie lässt Sinnhaftigkeit, eine innere Weisheit, erkennen. Die bereits geleistete Transformationsarbeit ist Voraussetzung für die neu anstehende, anders ausgedrückt, die nächste Sitzung baut auf der /den vorausgegangenen Sitzung(s) auf. Der Verlauf folgt dabei dem Prinzip „vom Leichten zum Schweren“.

Auf ihrem Weg zur Heilung muss Sina die Ereignisse, Widerstände und Blockaden beseitigen, die sie haben erkranken lassen. Ist das geschehen, ergibt sich daraus quasi als „Nebenprodukt“ ein zweiter Weg: der eigene (Lebens-)Weg.

Bildlich gesprochen könnte man sagen, dass auf dem Weg zur Heilung zuerst das „lockere Geröll“ beseitigt werden muss (die Transformation des Vaterbildes, des Bildes vom Großvater, Bruder, Nachbarn, die Auflösung der familiären Verstrickungen in den Sitzung 1 und 2). Ist das geschehen, wird der Zugang frei zu dem wirklich „harten, großen Brocken“ namens Mutter. Ist auch dieser ausgeräumt, transformiert (Sitzungen 3 und 4), müssen die selbst in den Weg gelegten Steine beseitigt und die selbst angelegten Fesseln (fehlendes Selbstvertrauen, Mutlosigkeit) durchtrennt werden. Erst dann ist die Freiheit sichtbar, in deren Weite der eigene Weg durch das bloße Gehen, die Aufeinanderfolge der Schritte, abgesteckt wird (Sitzung 5).

Die geleistete Transformationsarbeit ist neben Heilung auch die Befreiung von Fremdbestimmung, indem das „Fremde“ (z.B. das Hässliche: hässlicher Bote, das Fehlende: liebesunfähige Eltern, das Verletzende: missbrauchender Nachbar) transformiert und damit integriert, sich zu eigen gemacht wird. Die diesbezüglich geleistete Transformationsarbeit ist die Voraussetzung zur Freilegung der Qualitäten „Eigenständigkeit“, „Selbstbestimmung“ und „Selbstvertrauen“. Die wiederum sind Voraussetzungen für den eigenen Weg aus, drücken sich in ihm aus.

Bei aller auszumachenden Zielgerichtetheit des Verlaufs der Sitzungen darf nicht vergessen werden, dass die kranheits verursachenden Faktoren, die Ereignisse und Personen, nicht nur linear miteinander verbunden sind, sondern auch untereinander durch „Querverbindungen“ miteinander vernetzt sind und synergetisch wirken.

Und doch bietet sich der menschlichen Logik eine klar gegliederte Struktur in zeitlicher und inhaltlicher Abfolge der Sitzungen, geprägt von dem simplen, uns selbstverständlichen Prinzip der Natur „Vom Leichten zum Schweren“. Solche „Binsenweisheiten“ sind uns so alltäglich, dass wir sie in ihrer genialen Einfachheit oft übersehen, obwohl sie doch in jedem Lernvorgang stecken, auch in dem der Heilung, der Befreiung zum Finden des eigenen Wegs.

So zeigt die Abfolge der Themen der Sitzungen auch die Gewichtigkeit der zugehörigen Faktoren nach dem Prinzip „Vom Leichten zum Schweren“: der Faktor „Vater“ ist am Krankheitsgeschehen am geringsten beteiligt. Den Ereignissen, die der Tod repräsentiert, kommt eine mittlere Gewichtigkeit zu. Der Faktor „Mutter“ ist der gravierendste. Der Mustersatz „Mir fällt nichts ein, wenn`s drauf ankommt.“ zeigt das Fehlen von Eigenständigkeit und Selbstvertrauen. Er findet seinen Ursprung letzlich in den vorab genannten Faktoren. Er ist sozusagen ein „Faktor 2. Grades“. Ob und inwieweit der Ehemann Sinas als krankheits verursachender Faktor in Frage kommt, ist schwer zu beurteilen. Er scheint mehr als Hemmnis bei Sinas Eigenständigkeit denn als Krankheitsverursacher zu wirken. Möglicherweise kommt er Auslöser der Krankheit in Frage.


Der Verlauf der Transformationsarbeit mit den krankheitsverursachenden Faktoren im tabellarischen Überblick




Abschließende Bemerkung zur Wahl der Türaufschriften der Eingangsräume
Sina beginnt die Sitzungssequenz mit dem Thema „Liebe“ (selbst gewählte Türaufschrift) und, das Thema erneut aufgreifend, beendet sie damit. So steckt sie diese fünfteilige Einheit zu ihrer Heilung und Selbstfindung ab, gibt ihr einen Rahmen. Doch die Liebe hat in den beiden Sitzungen unterschiedliche Qualität.

In Sitzung 1 geht es um die Liebe des Vaters zu Sina und die Liebe des Großvaters zu seinem Sohn, quasi um „tradierte Liebe“, durch die Generationen vom Elter zum Kind weitergegeben.

In Sitzung 5 geht es um die Liebe Sinas zu sich selbst, um die Eigenliebe, die, um wachsen zu können, zwei Voraussetzungen braucht.
Als erste ist die Liebe der Eltern nötig. Sie sind mit ihrer Liebe die Quelle, aus der sich die Eigenliebe nährt. Dieses Fließen der Liebe wird durch die in den Sitzungen 1 bis 4 geleistete synergetische Transformations- und Integrationsarbeit, das Heil-werden, Ganz-werden, möglich.

Ist diese Voraussetzung erfüllt, braucht die Eigenliebe als zweiten Raum, in dem sie wachsen kann. Das bedeutet für Sina, dass sie sich in Sitzung 5 von Einengungen befreien muss. Dann steht der Eigenliebe und dem eigenen Leben, dem Eigenleben, nichts mehr im Wege.

In ebenso berührender wie erschreckender Weise liefert diese Sitzungssequenz den exemplarischen Beweis für uns eine bekannte Selbstverständlichkeit, dass nämlich ohne die elterliche Liebe keine Eigenliebe möglich ist. Erst aus dem Angenommensein, dem So-sein-dürfen, erfolgt die Selbstannahme, das So-sein-können. Hier kann diese Selbstverständlichkeit durch synergetische Arbeit von der der Theorie in die Realität umgesetzt werden.

Die Klientin machte weitere 20 Sessions und ist heute (7 Jahre später) weiterhin Brustkrebs frei.